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Alle Artikel · 24.10.2024 10:02

"Schuld haben nur sie": Gisèle Pelicots leidenschaftlicher Appell im Prozess um die Vergewaltigungen von Mazan

Am 23. Oktober 2024 erschallte eine klare, unerschütterliche Stimme im Gerichtssaal von Avignon. Gisèle Pelicot, die Hauptzeugin und das Opfer in einem der aufsehenerregendsten Vergewaltigungsprozesse Frankreichs, sprach erneut vor Gericht. Es war ein kraftvolles...

Am 23. Oktober 2024 erschallte eine klare, unerschütterliche Stimme im Gerichtssaal von Avignon. Gisèle Pelicot, die Hauptzeugin und das Opfer in einem der aufsehenerregendsten Vergewaltigungsprozesse Frankreichs, sprach erneut vor Gericht. Es war ein kraftvolles Plädoyer – nicht nur gegen ihre Peiniger, sondern auch gegen das verzerrte gesellschaftliche Bild von Vergewaltigung. „Es ist nicht meine Scham. Es ist ihre“, sagte sie, und ihre Worte hallten im Saal wider wie ein Schlag gegen jahrzehntelang verkrustete Vorstellungen.

Seit dem 2. September steht ihr Ex-Mann, Dominique Pelicot, 71 Jahre alt, zusammen mit 50 weiteren Männern vor Gericht. Sie alle sind angeklagt, Gisèle Pelicot betäubt und sie wiederholt missbraucht zu haben, während sie bewusstlos war – ein Verbrechen, das in seiner Brutalität und in seiner systematischen Organisation fassungslos macht.

Ein Leben in Trümmern – und doch die Kraft zur Wahrheit

Gisèle Pelicot blickt auf 50 Jahre Ehe zurück. 50 Jahre mit einem Mann, den sie einst als "perfekt" bezeichnete. Die Art und Weise, wie er sie verraten hat, hat ihr Leben zerstört, aber nicht ihren Kampfgeist. Sie steht heute für all jene Frauen ein, die in ähnlicher Situation verstummen oder stumm gemacht werden. Während sie spricht, sitzt Dominique Pelicot im Angeklagtenbereich, vermeidet ihren Blick – und doch scheint jeder Satz, den sie formuliert, direkt an ihn gerichtet zu sein.

„Ich habe dir immer geholfen, dich aus dem Dunkel zu ziehen, aber du hast die Finsternis gewählt“, sagt sie und spricht damit nicht nur zu ihrem Ex-Mann, sondern auch zu den anderen Männern, die sich schuldig gemacht haben. Diese Worte zeugen von tiefem Schmerz – doch sie tragen auch die Entschlossenheit einer Frau in sich, die sich nicht mehr verstecken will. Die Verhandlung sollte ursprünglich unter Ausschluss der Öffentlichkeit geführt werden, doch Gisèle entschied sich bewusst dagegen. Warum sollte sie sich verstecken?

Ein verzerrtes Bild vom Täter

Die Vergewaltigungen von Mazan haben die Öffentlichkeit erschüttert. Die Anklage gegen über 50 Männer, die an den Taten beteiligt gewesen sein sollen, sprengte alle bisherigen Vorstellungen von sexuellen Verbrechen in Frankreich. Wie konnte so etwas geschehen? Diese Frage stellt sich auch Gisèle immer wieder. Sie spricht die Menschen an, die im Prozess für die Angeklagten aussagten, darunter auch Frauen, die ihre Ehemänner als "liebend" und "vorbildlich" beschrieben. "Der Täter ist nicht der Fremde auf dem Parkplatz", sagt Gisèle. „Er ist in der Familie, unter Freunden.“

Ein erschreckender Gedanke, nicht wahr? Diese Worte sollen aufrütteln, und sie tun es – sie rufen uns ins Gedächtnis, dass die hässlichsten Verbrechen oft im Verborgenen geschehen, innerhalb der sicheren Mauern, die wir um uns herum errichten.

„Ich will eine Veränderung“

Gisèle Pelicots Entschlossenheit, diesen Fall zu nutzen, um das Verständnis von Vergewaltigung zu verändern, ist greifbar. Sie kämpft nicht nur für sich selbst, sondern für jede Frau, die je Opfer geworden ist. "Ich will, dass diese Frauen sagen können: Madame Pelicot hat es geschafft, also können wir das auch."

Es geht ihr nicht nur um Gerechtigkeit, sondern auch um die Verantwortung der Gesellschaft, die Kultur des Schweigens und der Scham zu durchbrechen. Denn noch immer ist es die Scham, die viele Opfer lähmt. „Warum schämen wir uns, wenn wir missbraucht werden?“, fragt Gisèle, als wolle sie die Wände des Gerichtssaals damit erschüttern. „Es ist nicht unsere Scham. Sie gehört den Tätern.“

Mit diesen Worten fasst sie nicht nur die Tragik ihres eigenen Lebens zusammen, sondern auch die Tragödie, die viele Frauen täglich erleben. Es ist ihr unmissverständlicher Aufruf, den Blick auf sexuelle Gewalt zu verändern. Sie fordert, dass man schon Kindern die Definition von Vergewaltigung beibringt, um die nächste Generation zu schützen.

Keine Ausreden mehr

Besonders aufrüttelnd ist die Diskussion über die Frage des Einverständnisses. Viele der Angeklagten behaupten, sie hätten an einem einvernehmlichen Austausch teilgenommen und seien von Dominique Pelicot getäuscht worden. Doch kehrt man die Dinge nicht um, indem man solche Erklärungen akzeptiert? Die meisten Männer hätten es doch wissen müssen – sie hätten spüren müssen, dass etwas grundlegend falsch war, als sie die bewusstlose Gisèle missbrauchten. „Wie kann man nicht merken, dass man eine Frau missbraucht, die nicht bei Bewusstsein ist?“, fragt sie, und diese Frage bleibt unbeantwortet.

Es sind diese Entschuldigungen – oder besser gesagt der Versuch einer Entschuldigung –, die sie besonders wütend macht. „Ich höre ihre Entschuldigungen, aber sie sind für mich nicht zu akzeptieren“, sagt sie. Denn was nützen Entschuldigungen, wenn sie nicht von einem echten Schuldbewusstsein getragen werden?

Unterstützung, die Berge versetzt

Während der Prozess weitergeht, ist Gisèle Pelicot nicht allein. Jeden Tag strömen Menschen in den Gerichtssaal, um ihr Beistand zu leisten. Darunter sind viele Frauen, die selbst Missbrauch erlebt haben, aber auch Männer, die gegen das Unrecht kämpfen wollen, das ihr angetan wurde. Besonders bewegend war der Moment, als ein alter Bekannter – ihr ehemaliger Theaterlehrer – nach 15 Jahren wieder vor ihr stand und ihr eine Blume überreichte. Es ist diese Welle der Solidarität, die Gisèle trägt. „Ich halte durch, weil all diese Menschen hinter mir stehen“, sagt sie mit einem Lächeln, das für einen Moment all den Schmerz überstrahlt.

Doch sie macht auch klar: Dieser Prozess ist nicht nur ihr persönlicher Kampf. Er steht stellvertretend für den Kampf aller Opfer von sexueller Gewalt. „Es geht nicht nur um mich“, betont sie, „sondern um alle.“

Schlussendlich?

Es braucht viel Mut, um sich gegen das Verbrechen des sexuellen Missbrauchs zu wehren – noch mehr, um laut zu werden und sich der Scham zu entziehen, die so oft den Opfern, nicht den Tätern, aufgebürdet wird. Gisèle Pelicot hat diesen Mut. Und es scheint, als könnte sie mit ihrem Kampf tatsächlich eine Veränderung bewirken – für sich und für unsre Gesellschaft.

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