Tag & Nacht


Sieben Jahre nach dem Absturz des Ethiopian-Airlines-Flugs ET302 hallt die Katastrophe noch immer durch Gerichtssäle, Vorstandsetagen und Kontrollbehörden der Luftfahrtindustrie. Nun hat ein Bundesgericht in Chicago Boeing zu einer Zahlung von 49,5 Millionen Dollar an die Familie einer der 157 Todesopfer verurteilt. Das Urteil zählt zu den höchsten Entschädigungen, die jemals in einem einzelnen Fall eines Flugzeugabsturzes zugesprochen wurden.

Im Mittelpunkt steht Samya Stumo, eine junge Amerikanerin aus Sheffield im Bundesstaat Massachusetts. Sie saß am 10. März 2019 an Bord der Boeing 737 MAX von Ethiopian Airlines, die nur wenige Minuten nach dem Start in Addis Abeba abstürzte. Niemand überlebte.

Der Fall entwickelte sich rasch zu einem Symbol für eine globale Krise der Luftfahrtindustrie.

Denn bereits wenige Monate zuvor war in Indonesien eine Maschine des gleichen Typs abgestürzt – der Lion-Air-Flug JT610. Auch dort starben alle Menschen an Bord. Die Parallelen ließen Ermittler schnell aufhorchen. Beide Flugzeuge gehörten zur damals neuen Modellreihe Boeing 737 MAX, die als technologische Zukunft des Kurzstreckenverkehrs galt.



Im Zentrum der Untersuchungen stand schließlich das MCAS-System. Diese Software sollte bestimmte aerodynamische Eigenschaften der Maschine automatisch ausgleichen. Doch genau dieses System löste in beiden Fällen fehlerhafte Steuerbefehle aus. Die Maschinen drückten ihre Nasen wiederholt nach unten – die Piloten kämpften vergeblich gegen die Technik an.

Ein Albtraum aus Sensorfehlern, Softwarelogik und mangelnder Transparenz.

Die Jury am United States District Court for the Northern District of Illinois sprach der Familie von Samya Stumo nun insgesamt 49,5 Millionen Dollar Schadenersatz zu. Vorsitzender Richter war Jorge L. Alonso. Besonders schwer wog nach Einschätzung des Gerichts offenbar der Vorwurf, Boeing habe Risiken des MCAS-Systems gegenüber Fluggesellschaften und Piloten nicht ausreichend kommuniziert.

Genau dieser Punkt begleitet den Konzern seit Jahren wie ein dunkler Schatten.

Michael Stumo, der Vater der getöteten jungen Frau, zählt inzwischen zu den bekanntesten Angehörigenvertretern im Kampf gegen Boeing. In den USA trat er immer wieder öffentlich auf, forderte strengere Sicherheitsregeln und kritisierte die Nähe zwischen Flugzeugherstellern und Aufsichtsbehörden. Seine Stimme bekam über die Jahre beinahe symbolischen Charakter – sachlich, hartnäckig, unbequem.

Und der Druck auf Boeing wächst weiter.

Zwar einigte sich der Konzern bereits 2021 mit dem US-Justizministerium auf Zahlungen von mehr als 2,5 Milliarden Dollar. Doch zahlreiche Zivilverfahren laufen noch immer. Viele Familien lehnen außergerichtliche Einigungen ab. Sie wollen nicht bloß Geld sehen, sondern eine klare juristische Anerkennung der Verantwortung.

Die Folgen reichen weit über Boeing hinaus.

Der Absturz der beiden 737-MAX-Maschinen erschütterte das Vertrauen in eine Branche, die jahrzehntelang beinahe als unfehlbar galt. Die weltweite Stilllegung der 737 MAX über fast zwei Jahre markierte einen historischen Einschnitt. Aufsichtsbehörden wie die amerikanische FAA gerieten massiv unter Druck. Kritiker warfen ihnen vor, Zertifizierungen zu eng mit den Herstellern abgestimmt zu haben.

Seitdem änderte sich vieles. Pilotenschulungen für automatisierte Systeme fielen deutlich umfangreicher aus. Zertifizierungsverfahren gelten heute als strenger. Gleichzeitig wächst die Sorge, dass moderne Flugzeuge zunehmend von hochkomplexer Software abhängig sind – und dass Piloten im Ernstfall nur Sekunden bleiben, um technische Fehler zu erkennen.

Man könnte sagen: Die Luftfahrt verlor damals ein Stück ihrer Unschuld.

Für Boeing steht längst nicht mehr nur Geld auf dem Spiel. Jeder neue Prozess beschädigt auch das Vertrauen von Airlines, Investoren und Passagieren. Nach weiteren technischen Zwischenfällen in den vergangenen Jahren kämpft der Konzern um seine Glaubwürdigkeit. In der Branche weiß jeder: Vertrauen steigt langsam auf – und stürzt verdammt schnell ab.

Die Angehörigen der Opfer erinnern unterdessen daran, worum es eigentlich geht. Hinter jeder Akte, jedem Gutachten und jedem Millionenurteil stehen Menschen, deren Leben abrupt endete. Kein Urteil der Welt macht diesen Verlust rückgängig.

Doch manche Entscheidungen setzen zumindest ein Zeichen.

Von C. Hatty

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