Tag & Nacht


Eigentlich hätte es ein Bilderbuchmoment werden sollen. Ferienbeginn, klirrend kalte Winterluft, Kinder mit roten Wangen, Erwachsene mit gezückten Smartphones – und dann dieses langsame, majestätische Anheben eines mechanischen Beins. Doch am 7. Februar 2026 blieb das Staunen aus. Statt dampfender Zahnräder und sirrendem Stahl herrschte Stillstand. Ein Streik legte einen Großteil der Machines de l’Île lahm und traf Nantes genau dort, wo die Stadt sich seit Jahren am selbstbewusstesten zeigt: bei ihrem kulturellen Aushängeschild.

Die Machines de l’Île sind mehr als ein Ausflugsziel. Sie erzählen die Geschichte einer Stadt, die sich neu erfunden hat. Wo einst Schiffsrümpfe geschweißt wurden, schreiten heute Fantasiewesen durch die Hallen der ehemaligen Werften auf der Île de Nantes. Inspiration lieferte der in der Stadt geborene Jules Verne, umgesetzt wurde sie in einer Mischung aus Ingenieurskunst, Theater und bildender Kunst. Die Galerie des Machines, das Carrousel des mondes marins und der legendäre Grand Éléphant bilden ein Ensemble, das längst international Strahlkraft besitzt.

Nach mehreren Wochen technischer Wartung sollte genau an diesem Samstag alles wieder anlaufen. Der Zeitpunkt war kein Zufall. Schulferien gelten in Nantes als Hochsaison, selbst im Winter. Familien aus ganz Frankreich – und darüber hinaus – planen ihren Aufenthalt rund um diese Attraktion. Umso größer war die Überraschung, als die Tore geschlossen blieben. Galerie und Karussell: zu. Nur der Elefant durfte, fast trotzig, seine Runden drehen.

Warum gestreikt wird, darüber schweigen bislang sowohl Belegschaft als auch Leitung. Dieses Schweigen wirkt lauter als jede Protestparole. In der Kulturszene ist es ein bekanntes Muster: Hinter der glatten Fassade kreativer Leuchtturmprojekte verbergen sich oft Arbeitsrealitäten, die wenig glamourös sind. Techniker, Maschinisten, Vermittler – hochspezialisierte Berufe, körperlich fordernd, organisatorisch komplex. Wenn hier Sand ins Getriebe gerät, steht schnell mehr still als nur eine Attraktion.



Besonders brisant ist die zeitliche Dimension. Der Streik ist offiziell bis Anfang März angekündigt. Wochen also, in denen Planbarkeit zur Glückssache wird. Für Besucher bedeutet das Frust, für Hoteliers, Gastronomen und den lokalen Handel bares Risiko. Nantes hat sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten bewusst als Kulturstadt positioniert. Die Machines de l’Île fungieren dabei als emotionaler Anker – sie stehen für Fantasie, Fortschritt und eine spielerische Form urbaner Identität.

Dass ausgerechnet der Elefant weiterläuft, besitzt Symbolkraft. Er ist das Wahrzeichen der Stadt, zwölf Meter hoch, mehrere Dutzend Tonnen schwer, und doch erstaunlich verletzlich. Sein Betrieb signalisiert: Es geht weiter, irgendwie. Gleichzeitig zeigt diese Teilöffnung, dass der Konflikt differenziert geführt wird. Kein Totalstreik, sondern gezielte Nadelstiche. Für manche Besucher ein Trostpflaster, für andere ein halbes Versprechen.

In Gesprächen vor Ort hört man Sätze wie: „Schon verrückt – ausgerechnet hier.“ Und ja, ein bisschen verrückt fühlt es sich an. Doch vielleicht ist genau das die Lehre dieses Winters. Kultur entsteht nicht von selbst. Sie wird gemacht, gewartet, erklärt, getragen – von Menschen. Wenn sie ihre Arbeit niederlegen, kommt auch die schönste Maschine zum Stillstand.

Wie lange dieser Zustand anhält, bleibt offen. Sicher ist nur: Die aktuelle Pause wirft ein grelles Licht auf die Fragilität eines Modells, das von außen so mühelos wirkt. Nantes wird damit umgehen müssen – und hoffen, dass der Elefant bald wieder nicht allein unterwegs ist.

Von C. Hatty

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