Der Wind kam nicht schleichend. Er war da, mit einem Mal, laut, unerbittlich, mit einer Kraft, die Türen aufspringen ließ und Dächer zittern machte. Sturm Goretti hat Frankreich in den frühen Stunden dieses Freitags fest im Griff gehalten und Spuren hinterlassen, die sich nicht allein in umgestürzten Bäumen oder abgedeckten Dächern messen lassen. Ein junger Mann im Norden des Landes liegt schwer verletzt im Krankenhaus, Hunderttausende Haushalte saßen stundenlang im Dunkeln, und an der Küste der Ärmelkanalregion wurden Windgeschwindigkeiten gemessen, die selbst erfahrene Meteorologen kurz innehalten ließen.
Im Département Nord endete der Versuch, einen verrutschten Dachziegel wieder zu befestigen, dramatisch. Ein 26-Jähriger stürzte vom Dach seines Hauses und zog sich schwere Verletzungen zu. Die Präfektur sprach von einem Moment, der exemplarisch für die Gefährlichkeit solcher Stürme steht: eine scheinbar kleine Reparatur, ein falscher Augenblick, eine Böe zu viel. Neben diesem schweren Unfall registrierten die Behörden landesweit mindestens 28 weitere, leichtere Verletzungen. Meist handelte es sich um Stürze, herumfliegende Gegenstände oder unglückliche Begegnungen mit der Gewalt des Windes.
Währenddessen blieb für viele Französinnen und Franzosen der Morgen ungewöhnlich still. Kein Summen des Kühlschranks, kein Lichtschalter, der reagierte. Nach Angaben des Netzbetreibers Enedis waren gegen späten Vormittag noch rund 380.000 Haushalte ohne Strom. Besonders hart traf es die Normandie, wo mehr als 266.000 Anschlüsse ausgefallen waren. Auch in den Hauts-de-France, in der Bretagne, in der Picardie und sogar im Großraum Paris blieben zahlreiche Wohnungen und Häuser vorübergehend dunkel. Mehr als 2.000 Techniker und externe Kräfte stehen bereit, um Leitungen zu reparieren, Masten aufzurichten und die Versorgung Schritt für Schritt wiederherzustellen. Ein mühsames Geschäft, bei dem jede Hand zählt.
Die eigentliche Wucht von Goretti zeigte sich jedoch an der Küste. In der Manche, wo sich der Sturm ungebremst aufbaute, wurden Böen von über 200 Kilometern pro Stunde gemessen. Im Val-de-Saire erreichte der Wind 216 km/h, in Gatteville 213 km/h – Werte, die selbst für diese sturmgewohnte Region außergewöhnlich sind. In Barneville peitschten Böen mit 182 km/h über die Messgeräte, in Fécamp wurden 157 km/h registriert. Sogar hoch oben auf dem Eiffelturm zeigte sich die Kraft des Sturms: 148 km/h meldeten die Sensoren dort. Zahlen, die nüchtern klingen, aber an der Küste ein ohrenbetäubendes Dröhnen bedeuten, Gischt, die wie feiner Staub durch die Luft getragen wird, und ein Meer, das keine Grenzen mehr kennt.
An Orten wie Le Conquet im Finistère schlugen die Wellen mit solcher Wucht gegen die Hafenmolen, dass selbst Einheimische staunend stehen blieben. Wer dort aufgewachsen ist, kennt Stürme, kennt das Schauspiel des Winters. Doch Goretti hatte eine andere Qualität, roher, schneller, aggressiver. „So etwas sieht man nicht jedes Jahr“, hörte man am Kai, während die Gischt über die Absperrungen flog. Ein Satz, halb Staunen, halb Respekt.
Die Behörden reagierten entsprechend. In den südwestlichen Départements Pyrénées-Atlantiques und Landes blieb die Warnstufe Orange für heftige Winde bestehen. Im Pas-de-Calais appellierte die Präfektur eindringlich an die Bevölkerung, keinerlei Risiken einzugehen, zu Hause zu bleiben und lose Gegenstände zu sichern. Ein Appell, der simpel klingt, aber in solchen Momenten Leben schützen kann. Denn Goretti ist kein Sturm, der verhandelt. Er nimmt, was ihm im Weg steht.
Auch der Verkehr spürte die Folgen. Der Bahnverkehr ist in weiten Teilen des Landes massiv eingeschränkt. In Nordfrankreich bleibt der regionale Zugverkehr vollständig eingestellt, lediglich die Verbindung zwischen Paris und Lille wurde aufrechterhalten – ohne Halt in Arras. In der Normandie kündigte die SNCF eine nur sehr langsame Wiederaufnahme des Betriebs am Nachmittag an, in der Bretagne mussten Reisende ebenfalls mit Verspätungen und Ausfällen rechnen. Für Pendler bedeutete das Warten, Improvisieren, manchmal auch ein Schulterzucken. Tja, Sturm halt.
Meteorologisch betrachtet ist Goretti ein klassischer Wintersturm, gespeist von starken Temperaturgegensätzen über dem Atlantik. Doch die gemessenen Spitzenwerte zeigen, wie sensibel das System reagiert. Jedes zusätzliche Grad, jede veränderte Strömung kann die Dynamik verschärfen. Das spüren nicht nur die Messstationen, sondern auch die Menschen, deren Alltag plötzlich aus den Fugen gerät.
Am Ende bleibt ein Bild, das sich durch diesen Freitag zieht: das eines Landes, das dem Sturm standhält, mit professioneller Hilfe, mit Erfahrung, aber auch mit Momenten menschlicher Verletzlichkeit. Ein Mann auf einem Dach, der Wind, der stärker ist. Ein dunkles Wohnzimmer, in dem Kerzen angezündet werden. Eine Küste, an der das Meer zeigt, wer hier die Regeln macht. Goretti wird weiterziehen, wie alle Stürme. Die Erinnerung an seine Kraft jedoch bleibt, noch eine Weile, im Rauschen der Bäume und im Gespräch der Menschen.
Von C. Hatty
Abonniere einfach den Newsletter unserer Chefredaktion!









