Variante Delta: Wissenschaftsrat fordert schärfere Maßnahmen

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Covid-19: Neue Varianten
Die inzwischen in ganz Europa auf dem Vormarsch befindliche Delta-Variante ist für den französischen Wissenschaftsrat besonders besorgniserregend.

Um die Delta-Variante, die in Frankreich auf dem Vormarsch ist, zu stoppen, forderte der wissenschaftliche Rat am Freitag stärkere Gesundheitsmaßnahmen, darunter eine verpflichtende Impfung der Pfleger und Betreuer und lokal begrenzte Einschränkungen. Ein Covid-19-Verteidigungsrat ist für Montag angesetzt, vor einer TV-Ansprache von Präsident Emmanuel Macron.

Während Emmanuel Macron neue Hygienemaßnahmen in Erwägung zieht und am Montag um 20 Uhr eine Ansprache an die Franzosen halten wird, forderte der wissenschaftliche Rat am Freitag, 9. Juli, die Anwendung von Präventivmaßnahmen, einschließlich der obligatorischen Impfung von Pflegern und Betreuern sowie örtliche Einschränkungen in den am stärksten betroffenen Gebieten, die bereits in diesem Sommer in Kraft treten könnten.

Der Élysée gab noch keine Details zum Inhalt der Rede des Präsidenten bekannt, aber die Entourage von Emmanuel Macron deutete kürzlich an, dass es ihm darum ging, den Kurs für die letzten zehn Monate seiner zu Ende gehenden Amtszeit festzulegen, insbesondere bei Reformen wie der der Renten. Er wird jedoch mit Sicherheit auf die Maßnahmen eingehen, die der am Montagmorgen im Élysée-Palast stattfindende Covid-19-Verteidigungsrat beschlossen hat, insbesondere betreffend der Impfpflicht für Pflegekräfte und die Verlängerung des Gesundheitspasses.

Eine rasante Verbreitung unter jungen Menschen

Die Delta-Variante, etwa 60% ansteckender als die bisher zirkulierenden Stämme, breitet sich in Europa rasant aus und macht bereits knapp 50% der Ansteckungen in Frankreich aus, erklärte am Freitag Gesundheitsminister Olivier Véran.

In seinem letzten Update beklagt Santé Publique France eine “Verschlechterung der Situation, nach mehreren Wochen der Verbesserung der Indikatoren” – am Donnerstagabend gab es 4.442 neue Kontaminationen, das sind 70% mehr als in der Vorwoche. Die Gesundheitsbehörde stellt einen “deutlichen Anstieg der Inzidenzrate fest, insbesondere bei den 15- bis 44-Jährigen”. Die rasante Ausbreitung unter jungen Menschen ist vor dem Hintergrund der Wiedereröffnung von Diskotheken am Freitagabend besonders besorgniserregend.

Der wissenschaftliche Beirat warnt in seiner am Freitag veröffentlichten Stellungnahme, dass eine “vierte Welle im Zusammenhang mit der Delta-Variante wegen eines noch unzureichend hohen Impfschutzes” schnell auftreten könnte, mit Auswirkungen auf das medizinische Versorgungssystem. “Die Epidemie kann nur kontrolliert werden, wenn 90 bis 95% der Menschen geimpft oder genesen sind”, warnte das Gremium. Am Donnerstagabend waren 52% der Franzosen mit einer ersten Dosis geimpft und 39% vollständig geimpft. Die Regierung strebt an, dass bis Ende August zwei Drittel der Erwachsenen vollständig geimpft sind.

Verstärkte Rückverfolgung und Pflichtimpfung

Selbst unter der Voraussetzung, dass diese Ziele erreicht werden, empfiehlt der Rat dennoch, die Strategie des Aufspürens und der Isolierung der Fälle von Covid-19 zu verbessern und “die Auswirkungen von Delta auf die Krankenhausaufenthalte zu überwachen”, in England, Schottland, Irland und Portugal, habe die “Geschwindigkeit der Zunahme (+20% der Krankenhausaufenthalte pro Woche in England) ein wichtiges Alarmsignal gegeben”.

Es erscheine dringend notwendig, die Impfkampagne zu intensivieren, aber auch gezielter zu gestalten, indem man insbesondere auf “eine Impfpflicht für das Pflegepersonal” hinarbeite, eine Berufsgruppe, in der die Durchimpfungsrate “zu niedrig” sei, insbesondere in den Pflege und Altersheimen, wo nur etwa die Hälfte des Personals geimpft ist, sagt der Rat.

Selbst der umstrittene Professor Didier Raoult sprach sich am Freitag in einem Tweet für eine systematische Impfung der Pfleger und Betreuer aus, mit Impfstoffen, die für ihre jeweilige Altersgruppe empfohlen werden.

Die Regierung arbeitet an einem Gesetzesentwurf zu diesem Thema: Er könnte bereits nächste Woche im Ministerrat verabschiedet und noch vor Ende Juli der Nationalversammlung vorgelegt werden. Diese Verpflichtung zur Impfung “sollte auf andere Berufsgruppen ausgeweitet werden”, auch andere nicht-medizinische Fachkräfte, so der Rat. “Mehr als 90% der Bewohner in Altenheimen” wurden “Anfang April” geimpft, aber internationale Studien zeigen, dass selbst nach zwei Dosen bei etwa 30% dieser Populationen keine Antikörper vorhanden sind, was die Verabreichung einer dritten Dosis notwendig macht, heißt es weiter in der Stellungnahme.

Eine Rückkehr zu Einschränkungen?

Der Rat ist besorgt über das Niveau der Impfung von “über 60-Jährigen, Risikopersonen zwischen 40 und 60” und “jungen Risikopersonen, insbesondere fettleibigen”. Nur 50% der fettleibigen Menschen seien bisher geimpft. “Wenn die Menschen bis zum Beginn des Schuljahres warten, um sich impfen zu lassen, wird es zu spät sein”, betonte der Epidemiologe Arnaud Fontanet, Mitglied des wissenschaftlichen Rates, gegenüber dem Sender RTL. Wir haben “eine absurde Situation, wir haben mehr als 100.000 Todesfälle und daneben einen Impfstoff, der sehr wirksam und kostenlos ist”.

Nach den in der Stellungnahme zitierten Modellrechnungen des Pasteur-Instituts könnte selbst bei einer Durchimpfungsrate von 30% bei den 12- bis 17-Jährigen, 70% bei den 18- bis 59-Jährigen und 90% bei den über 60-Jährigen “ohne weitere Kontrollmaßnahmen eine Spitze bei den Krankenhauseinweisungen, ähnlich der Spitze im Herbst 2020, beobachtet werden”.

Um die Variante einzudämmen, empfiehlt der wissenschaftliche Rat außerdem eine Senkung der maximalen Besucherzahl (derzeit auf 1.000 Personen festgelegt) für Veranstaltungen, für die ein Gesundheitspass erforderlich ist, sowie “teilweise Beschränkungsmaßnahmen” in den am stärksten betroffenen Gebieten, “einschließlich im Juli und August und in Feriengebieten, wie es kürzlich in Portugal geschehen ist”. Das Gremium erwähnt auch die Möglichkeit eines Impfpasses für den Zugang zu Restaurants, kulturellen oder sportlichen Aktivitäten, der die Geimpften im Falle einer vierten Welle von weiteren Einschränkungen befreien würde.


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