Der Wind kam in der Nacht.
Er kam nicht schleichend, sondern mit jener Wucht, die Fenster zittern lässt und Erinnerungen weckt, von denen man gehofft hatte, sie blieben im Archiv der Geschichte. Sturm „Nils“ traf am 12. Februar mit voller Kraft auf den Süden Frankreichs und verwandelte vertraute Landschaften in eine Szenerie aus sirrenden Leitungen, entwurzelten Bäumen und heulender Winde.
„Solche Winde hatten wir seit 2009 nicht mehr“, sagte die Vizepräsidentin des Départements Aude – ein Satz, der in seiner Schlichtheit schwer wiegt.
Tatsächlich rief der aktuelle Sturm unweigerlich die Bilder der verheerenden Tempête Klaus wach, die damals den Südwesten Frankreichs verwüstete. Auch diesmal erreichten die Böen Geschwindigkeiten von 150 bis 160 Stundenkilometern, in exponierten Lagen sogar darüber. Was auf dem Papier wie eine meteorologische Kennziffer wirkt, entfaltet vor Ort eine brutale Realität: Dächer lösen sich wie Papier, Lastwagen geraten ins Schwanken, Wälder verlieren binnen Minuten ihr Gleichgewicht.
Mehr als 850.000 Haushalte saßen zeitweise im Dunkeln.
Stromleitungen rissen, Bäume stürzten auf Straßen und Gleise, der Bahnverkehr kam stellenweise zum Erliegen. In den Départements Aude und Pyrénées-Orientales galt höchste Alarmstufe wegen orkanartiger Böen, während weiter westlich in Gironde und Lot-et-Garonne Hochwasser drohte. Die Schneise des Tiefdruckgebiets folgte einer klassischen Route: vom Atlantik kommend, quer über das Land, dann hinab in Richtung Golf von Lion.
Klassisch im Verlauf, ungewöhnlich in der Intensität.
Die Geografie des Südens verstärkt solche Wetterlagen. Zwischen Pyrenäen und Mittelmeer beschleunigt sich der Wind in natürlichen Korridoren. Die Tramontane, sonst ein vertrauter Begleiter, verwandelte sich in eine entfesselte Kraft. Wer je erlebt hat, wie sich diese Böen in den Ebenen der Aude aufbauen, weiß: Das ist kein laues Lüftchen, das ist Natur im Angriffsmodus.
Und doch unterscheidet sich 2026 von 2009.
Die Lehren aus Tempête Klaus sitzen tief. Damals erreichten Böen in Perpignan beinahe 190 Stundenkilometer, Millionen Bäume knickten um, wirtschaftliche Schäden gingen in die Milliarden. Heute greifen Warnsysteme früher, Einsatzkräfte stehen schneller bereit, Schulen schließen vorsorglich. Behörden riefen die Bevölkerung auf, zu Hause zu bleiben, lose Gegenstände zu sichern, Fahrten zu vermeiden.
Man hört genauer hin, wenn Alarmstufe Rot ausgerufen wird.
Gleichwohl zeigt Sturm „Nils“, wie verletzlich eine hochvernetzte Gesellschaft bleibt. Ein umstürzender Baum genügt, um ganze Stromnetze lahmzulegen. Ein herabfallender Ast kostete in den Landes einen Lastwagenfahrer das Leben – eine Tragödie, die daran erinnert, dass nicht der Wind selbst tötet, sondern das, was er in Bewegung setzt.
In der Aude richten sich die Blicke auch auf die Weinberge. Winzer, ohnehin von klimatischen Kapriolen der vergangenen Jahre gezeichnet, befürchten Schäden an Rebstöcken und Infrastruktur. Landwirtschaftliche Betriebe kalkulieren mit spitzem Bleistift; jeder Sturm hinterlässt Spuren in der Bilanz.
„Das fühlt sich an wie damals“, sagt ein Bewohner aus Narbonne am Telefon. Und man spürt zwischen den Zeilen: Hier spricht nicht bloß jemand über Wetter, hier spricht Erfahrung.
Meteorologisch betrachtet fügt sich „Nils“ in eine Serie aktiver Winterstürme über Westeuropa ein. Solche atlantischen Tiefdruckgebiete entstehen aus Temperaturgegensätzen zwischen kalten und warmen Luftmassen. Verändern sich diese Kontraste durch steigende Durchschnittstemperaturen, verschieben sich Dynamiken – Intensität und Häufigkeit extremer Ereignisse geraten in Bewegung. Klimaforscher mahnen zur Differenzierung: Nicht jeder Sturm lässt sich direkt dem Klimawandel zuschreiben. Doch die Rahmenbedingungen, unter denen solche Stürme entstehen, verändern sich.
Und damit auch das Risiko.
Die moderne Infrastruktur erhöht paradoxerweise die Anfälligkeit. Weit verzweigte Stromnetze, dichte Verkehrsadern, empfindliche Lieferketten – alles hängt zusammen. Fällt ein Glied aus, spürt man es rasch. Das ist der Preis der Vernetzung.
In den Straßen der betroffenen Orte dominieren derzeit Sirenen und das Knattern von Generatoren. Einsatzkräfte räumen Fahrbahnen frei, Techniker reparieren Leitungen. Der Wind schwächt sich allmählich ab, doch das kollektive Gedächtnis bleibt wach.
Denn in Südfrankreich gehört der Wind zur Identität.
Er formt Landschaften, trocknet Wäsche in Rekordzeit, lässt Segelboote tanzen. Aber er zeigt auch Zähne. Wer hier lebt, arrangiert sich mit dieser Doppelgesichtigkeit. Fensterläden sind stabiler gebaut, Dächer besser verankert. Und wenn die Warn-App schrillt, denkt niemand mehr: Ach, wird schon nicht so schlimm. Man weiß es besser.
Sturm „Nils“ markiert keinen historischen Einschnitt wie einst Tempête Klaus. Doch er führt vor Augen, dass außergewöhnliche Wetterlagen keine Randnotiz darstellen, sondern wiederkehrende Prüfungen.
Am Ende bleibt eine nüchterne Erkenntnis: Technik, Organisation und Erfahrung mindern Risiken, doch sie bannen sie nicht. Der Wind erinnert daran, wer hier das letzte Wort führt.
Und wenn er sich legt, kehrt nicht nur Ruhe ein, sondern auch Respekt.
Autor: Andreas M. Brucker
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