Tag & Nacht


Drei Jahre lang war Trockenheit das alles beherrschende Wort im äußersten Süden Frankreichs. Ein Wort, das sich in die Erde fraß, in die Köpfe der Menschen kroch und ganze Existenzen infrage stellte. Nun, im Winter 2025, fällt Regen. Viel Regen. Und plötzlich klingt in den Pyrénées-Orientales wieder etwas an, das lange verstummt schien: Hoffnung.

In den Weinbergen von Denis Basserie, nahe Baixas, zeigt sich das Wunder ganz bodenständig. Die Erde, jahrelang rissig wie altes Leder, fühlt sich wieder feucht an. Sie lebt. Basserie spricht darüber mit einer Mischung aus Erleichterung und Vorsicht, als habe jemand nach langer Zeit einen Herzschlag gehört. Für einen Moment stand alles still, sagt er sinngemäß – jetzt bewegt sich wieder etwas. Perspektiven, die schon verloren schienen, tauchen zaghaft am Horizont auf.

Die vergangenen Jahre hatten den Landwirten kaum Luft zum Atmen gelassen. Die Dürre drückte die Erträge, fraß sich durch Obstplantagen und Weinreben, zwang viele zum Aufgeben. Basserie verlor die Hälfte seiner Aprikosenbäume. Ein Schaden, der sich nicht einfach wegregnet. Deshalb klingt seine Freude gedämpft. Ja, es tut gut, den Regen zu sehen. Nein, Entwarnung fühlt sich anders an.

Der Dezember 2025 brachte Niederschlagsmengen, wie man sie sonst über anderthalb Monate verteilt erwartet. Innerhalb weniger Tage füllten sich Flüsse, Bäche und Seen. Wasser, das lange gefehlt hatte, war plötzlich wieder da – sichtbar, hörbar, fast greifbar. Für die Menschen im Département Pyrénées-Orientales ein Anblick, der Erinnerungen weckte und zugleich Fragen aufwarf.



Denn die Dürre hatte längst nicht nur die Landwirtschaft getroffen. Sie bestimmte den Alltag. Autowaschen verboten, Pools tabu, selbst der private Umgang mit Wasser wurde zur moralischen Frage. Wer hier lebt, kennt die Einschränkungen auswendig. Umso größer ist nun die Erleichterung. Spaziergänger bleiben an Seen stehen, schauen auf gestiegene Pegel und sagen Dinge wie: Das sieht doch schon besser aus. Kein Überschwang, eher vorsichtiger Optimismus.

Besonders eindrücklich zeigte sich die Veränderung in der vallée du Tech. Dort stieg der Wasserstand nach den Unwettern so stark, dass selbst alteingesessene Beobachter ins Staunen gerieten. Nicolas Garcia, Bürgermeister von Elne und Präsident des regionalen Grundwasserverbands, sprach von Pegeln, die er seit 15 Jahren nicht mehr gesehen habe. Ein Satz, der hängen bleibt, weil er das Ausmaß der vergangenen Trockenheit indirekt beschreibt.

Technisch betrachtet geschieht derzeit etwas Entscheidendes. Die oberflächennahen Grundwasserschichten füllen sich wieder. Genau jene Reserven, die jedes Jahr erneuert werden und gleichzeitig am schnellsten ausgebeutet sind. Garcia erklärt, dass diese Wasservorräte bis in den Spätsommer hinein genutzt werden könnten, um die tiefen, langfristig wichtigen Grundwasserschichten zu schonen. Das klingt nüchtern, fast bürokratisch – und ist doch zentral für die kommenden Monate.

Denn niemand im Département glaubt ernsthaft, dass ein regenreicher Dezember allein drei Jahre Dürre auslöscht. Wasserwirtschaft funktioniert nicht nach dem Prinzip der schnellen Erlösung. Zu tief sitzen die strukturellen Defizite, zu deutlich haben Klimaveränderungen ihre Spuren hinterlassen. Die aktuellen Niederschläge wirken eher wie ein Aufschub, ein Atemholen vor der nächsten Bewährungsprobe.

Und trotzdem verändert dieser Regen etwas. Psychologisch, gesellschaftlich, fast kulturell. Wer jahrelang nur Staub kannte, reagiert auf feuchte Erde mit Dankbarkeit. Gespräche drehen sich wieder um Aussaat statt um Verluste, um Planung statt um Schadensbegrenzung. Natürlich schwingt Skepsis mit. Aber auch das gehört zur Realität dieser Region: Freude und Vorsicht liegen nah beieinander.

Auf den Feldern und in den Dörfern zeigt sich eine stille Lektion über Zeit und Geduld. Wasser fällt nicht nur vom Himmel, es muss im Boden bleiben, in den Köpfen ankommen, in politische Entscheidungen einfließen. Der Regen allein rettet keine Betriebe. Doch er öffnet Spielräume. Und manchmal reicht genau das, um nicht aufzugeben.

Die kommenden Monate werden entscheidend. Bleiben die Niederschläge aus, kehren alte Sorgen schnell zurück. Setzt sich der Trend fort, könnte sich die Lage Schritt für Schritt entspannen. Niemand wagt Prognosen. Zu frisch sind die Erinnerungen an ausgetrocknete Flussbetten und verdorrte Kulturen.

Aber jetzt, mitten im Winter, riecht die Erde wieder nach Leben. Für viele hier ist das mehr als ein meteorologisches Detail. Es ist ein Zeichen. Kein Versprechen, aber eine Möglichkeit. Und in einer Region, die lange nur Mangel verwaltet hat, fühlt sich das fast schon luxuriös an.

Von C. Hatty

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