Nach über zwei Jahrzehnten zäher Verhandlungen haben die Europäische Union und Indien am 27. Januar 2026 ein umfassendes Freihandelsabkommen unterzeichnet. Es ist ein diplomatischer und wirtschaftspolitischer Meilenstein, der nicht nur Handelsströme neu justieren, sondern auch geopolitische Gewichte verschieben dürfte. Mit der Entstehung einer faktischen Freihandelszone, die rund zwei Milliarden Menschen umfasst, signalisiert das Abkommen weit mehr als Zollsenkungen: Es markiert den strategischen Schulterschluss zweier Demokratien in einer zunehmend fragmentierten Weltordnung.
Ein historischer Durchbruch nach Jahren der Blockade
Die Verhandlungen zwischen Brüssel und Neu-Delhi galten lange als festgefahren. Seit dem offiziellen Startschuss im Jahr 2007 scheiterten mehrere Anläufe an divergierenden Vorstellungen über Marktzugang, Arbeitsschutz, geistiges Eigentum und Agrarfragen. Erst unter dem Eindruck geopolitischer Spannungen – etwa Chinas wachsendem Einfluss im Indopazifik, der Rückkehr protektionistischer Tendenzen im Welthandel und Indiens wachsendem Bedarf an Hochtechnologie – kam ab 2023 neue Dynamik in die Gespräche. Die Kompromissbereitschaft beider Seiten nahm deutlich zu, vor allem seit Indien sich verstärkt als geopolitischer Gegenspieler Chinas zu positionieren versucht.
Abbau von Zöllen – massive Vorteile für europäische Exporteure
Kernstück des Abkommens ist der schrittweise Abbau von Handelshemmnissen. So sollen die bislang extrem hohen indischen Einfuhrzölle auf europäische Industrie- und Konsumgüter drastisch gesenkt werden: Fahrzeuge „Made in Europe“ werden künftig mit nur noch 10 % statt bisher 110 % Zoll belegt. Für Weine sinkt der Satz von 150 % auf 20 %, während Produkte wie Pasta und Schokolade vollständig zollfrei werden. Die Europäische Kommission rechnet damit, dass europäische Unternehmen durch diese Maßnahmen jährlich bis zu vier Milliarden Euro an Abgaben einsparen könnten – insbesondere in exportstarken Branchen wie Maschinenbau, Chemie, Luxusgüter und Lebensmittelverarbeitung.
Die europäischen Exporteure erhalten durch das Abkommen Zugang zu einem der wachstumsstärksten Märkte der Welt: Indien verzeichnete zuletzt ein BIP-Wachstum von über acht Prozent. Der Subkontinent ist nicht nur der bevölkerungsreichste Staat der Welt, sondern verfügt über eine schnell wachsende Mittelschicht mit steigendem Konsumbedarf. Besonders interessant ist der indische Markt auch wegen seines demografischen Profils – über 50 % der Bevölkerung sind unter 30 Jahre alt.
Indien setzt auf Technologietransfer und Investitionen
Für Indien wiederum liegt der Nutzen des Abkommens vor allem in technologischem Zugang und ausländischem Kapital. Die Regierung in Neu-Delhi betrachtet die EU seit Langem als verlässliche Quelle für Industrie-Know-how, Umwelttechnologie und Direktinvestitionen. Das Land steht vor enormen Modernisierungsaufgaben: Energieinfrastruktur, Mobilität, Bildung und Gesundheitswesen müssen auf eine wachsende und urbanisierende Bevölkerung ausgerichtet werden. Das Abkommen verpflichtet die EU, Investitionsschutzgarantien zu gewähren und faire Wettbewerbsbedingungen zu unterstützen – eine zentrale Forderung indischer Unternehmen und Regulierungsbehörden.
Gleichzeitig bleibt Indien vorsichtig: Besonders sensible Bereiche wie Landwirtschaft, kleine Pkw sowie Teile des Milchsektors wurden von der vollständigen Liberalisierung ausgenommen. Diese Sektoren gelten als politisch brisant, da sie Millionen von Arbeitsplätzen sichern. Auch die Zollsenkungen erfolgen über gestaffelte Fristen, teils mit Übergangszeiträumen von bis zu zehn Jahren. Das zeigt: Trotz Öffnung bleibt die wirtschaftliche Souveränität ein zentraler Orientierungspunkt indischer Handelspolitik.
Strategische Allianzen in einer neuen Weltordnung
Jenseits ökonomischer Erwägungen ist das Abkommen ein deutliches geopolitisches Signal. Angesichts der zunehmenden Blockbildung zwischen den USA und China versuchen sowohl die EU als auch Indien, sich als eigenständige Kräfte in einer multipolaren Welt zu positionieren. Für Brüssel bedeutet die Partnerschaft mit Indien einen wichtigen Baustein der „Global Gateway“-Strategie, mit der Europa seine wirtschaftlichen Verflechtungen diversifizieren will – weg von übermäßiger Abhängigkeit von China. Für Indien wiederum ist die EU ein Gegengewicht zu den Vereinigten Staaten, mit denen es zwar sicherheitspolitisch kooperiert, aber nicht in ein festes Bündnis eingebunden ist.
Zudem verfolgt Indien eine „Multi-Alignment“-Strategie, die möglichst viele außenwirtschaftliche Optionen offenhalten soll – eine Mischung aus strategischer Autonomie und selektiver Integration. In diesem Sinne bietet das Abkommen mit der EU eine willkommene Ergänzung zu bestehenden Abkommen mit ASEAN-Staaten, der EFTA oder dem Vereinigten Königreich.
Mit dem neuen Freihandelsabkommen wird deutlich: Wirtschaft und Geopolitik lassen sich im 21. Jahrhundert nicht mehr trennen. Wer Handelsverträge abschließt, verhandelt zugleich über politische Allianzen, strategische Abhängigkeiten und die Architektur der globalen Ordnung.
Autor: Andreas M. Brucker
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