Manchmal genügt ein Satz, um das Ausmaß einer Katastrophe zu begreifen. „Ich stehe im Garten, das Wasser reicht mir bis zu den Knien.“ Mehr braucht es nicht. Kein Pathos, keine Übertreibung. Nur diesen einen nüchternen Befund, gesprochen von einem Mann, der fassungslos auf seine Straße blickt, die keine Straße mehr ist, sondern ein graubrauner Strom. So begann für viele Bewohnerinnen und Bewohner des Finistère der Donnerstag, der 15. Januar, ein Tag, der sich tief in das kollektive Gedächtnis dieser westlichsten Ecke der Bretagne einschreiben dürfte.
Schon seit den frühen Morgenstunden prasselte der Regen unaufhörlich auf Dächer, Gärten, Felder und Straßen. Die Region stand unter orangefarbener Wetterwarnung, doch Warnungen verlieren ihren abstrakten Charakter, sobald das Wasser durch die Kanalisation nach oben drückt und Wohnzimmer, Keller und Gärten flutet. Die Böden, ohnehin noch vollgesogen vom Durchzug des Sturmtiefs Goretti in der Vorwoche, nahmen nichts mehr auf. Jeder weitere Liter Regen suchte sich seinen eigenen Weg – und fand ihn in den Häusern der Menschen.
Besonders hart traf es die Küstengemeinde Plougonvelin. Dort filmte Didier Boucheton mit zitternder Hand seine überschwemmte Nachbarschaft. Seine Stimme schwankt zwischen Unglauben und Verzweiflung, als er beschreibt, wie das Wasser immer weiter steigt. Man hört keine Wut, eher eine stille Ohnmacht. Wer einmal erlebt hat, wie das eigene Zuhause von außen und innen zugleich angegriffen wird, weiß, wie lähmend dieser Moment ist. Das Haus, sonst Schutzraum, wird zur offenen Flanke.
Boucheton war mit seiner Partnerin Martine nur auf Urlaub in der Familienimmobilie. Ein paar Tage Auszeit an der bretonischen Küste – eigentlich. Stattdessen kletterten sie durch ein Fenster ins Freie, nachdem das Wasser durch die Leitungen nach oben gedrückt war. Fotos für die Versicherung, ein paar hastige Handgriffe, dann raus. Es sind diese Szenen, die man sonst aus Fernsehbildern kennt und plötzlich selbst erlebt. Ziemlich surreal, ehrlich gesagt.
Währenddessen arbeiteten Einsatzkräfte pausenlos. Allein im Finistère registrierte die Feuerwehr an diesem Tag mehr als 230 Einsätze. Pumpen liefen ununterbrochen, Schläuche schlängelten sich durch Vorgärten, Straßen und Einfahrten. Unterstützung kam von Landwirten, die mit ihren großen Wasserbehältern halfen, die überfluteten Flächen zu entlasten. Eine improvisierte Solidarität, geboren aus der Not, aber getragen von der Erfahrung, dass man hier draußen oft nur gemeinsam klarkommt.
In Plougonvelin stand das Wasser stellenweise bis zu 60 Zentimeter hoch. Vier Menschen mussten evakuiert werden, acht Häuser galten als besonders betroffen. In einem von ihnen lebt eine ältere Rentnerin, deren Wohnung am stärksten beschädigt wurde. Ein Gemeinderat, Gilbert Le Person, versuchte zu helfen, so gut es ging. Für die Betroffene sei es kaum zu verkraften, sagte er, zumal erst vor zwei Jahren umfangreiche Arbeiten am Haus abgeschlossen worden seien. Man kann sich vorstellen, wie sich Hoffnung und Resignation in solchen Momenten mischen.
Aus Sicherheitsgründen kappte der Stromversorger die Elektrizität für rund 200 Haushalte. Eine Vorsichtsmaßnahme, notwendig, aber für die Betroffenen ein weiterer Einschnitt. Kein Licht, keine Heizung, kein warmes Wasser – mitten im Januar. Techniker arbeiteten daran, die Versorgung schrittweise wiederherzustellen, doch Zeit lässt sich in solchen Lagen nicht beschleunigen. Der Regen hatte seinen eigenen Takt.
Auch andere Orte im Département blieben nicht verschont. In Crozon etwa verwandelte sich das Zentrum der Stadt in eine Wasserlandschaft. Geschäfte, Cafés, Kreuzungen – alles unter Wasser. Straßen wurden gesperrt, der Verkehr kam zum Erliegen. In Plouzané waren zahlreiche Verbindungen unpassierbar, in Pencran, nahe Landerneau, verschwand ein ganzer Brückenabschnitt unter den Fluten. Ein Straßenwärter sprach von einer Regenmenge, die selbst für diese wettererprobte Region außergewöhnlich sei. „So etwas erlebt man nicht alle Tage“, sagte er. Das klang nüchtern, fast lakonisch, und gerade deshalb glaubwürdig.
Der Blick auf diese Ereignisse wirft unweigerlich größere Fragen auf. Die Bretagne kennt Regen, sie lebt mit ihm, seit Jahrhunderten. Doch die Häufung intensiver Niederschläge, die Geschwindigkeit, mit der sich lokale Unwetter zu ernsten Krisen auswachsen, sorgt für Unruhe. Wenn Böden gesättigt sind und Infrastruktur an ihre Grenzen stößt, reicht ein weiterer Starkregen, um ganze Viertel lahmzulegen. Das ist keine theoretische Debatte mehr, das spielt sich vor Haustüren ab.
Für die Betroffenen im Finistère beginnt nach dem Abklingen der Regenfälle die mühsame Phase des Aufräumens. Schlamm entfernen, Möbel retten, Schäden dokumentieren. Versicherungsfragen klären, Handwerker finden, Geduld aufbringen. Viel Geduld. Manche werden sagen: Wir hatten Glück im Unglück. Keine Verletzten, keine Todesopfer. Und doch hinterlassen solche Tage Spuren, sichtbare und unsichtbare.
Am Ende bleibt das Bild eines Départements, das einmal mehr seine Widerstandskraft unter Beweis stellt, getragen von Nachbarschaftshilfe, Einsatzbereitschaft und einem Pragmatismus, der hier fast schon zum Charakter gehört. Aber auch das leise Gefühl, dass solche Extremereignisse keine Ausnahme mehr sind. Sondern Vorboten. Und das macht die nassen Schuhe, den zerstörten Keller und den Stromausfall plötzlich zu Zeichen eines größeren Wandels. Keinem abstrakten. Sondern eines, der bis zu den Knien reicht.
Von C. Hatty
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