Tag & Nacht


Über Crans-Montana, sonst Inbegriff alpiner Eleganz und winterlicher Unbeschwertheit, liegt seit einem Monat ein Schatten. In der Silvesternacht verwandelte sich das Bar-Lokal Le Constellation in ein Inferno. Mindestens 40 Menschen starben, 116 wurden verletzt. Die Ermittlungen richten den Blick inzwischen auf ein Detail, das lange unbeachtet blieb: eine abgehängte Decke aus Akustikschaum.

Was als harmlose Maßnahme gegen Lärm gedacht war, entwickelte sich zur zentralen Ursache der Katastrophe. Rekonstruktionen zufolge wurden pyrotechnische Kerzen, an Champagnerflaschen befestigt – ein gängiges, aber riskantes Ritual jener Nacht –, zu nah an die Decke gehalten. Funken trafen auf den Schaumstoff. Sekunden reichten. Das Material entzündete sich schlagartig, das Feuer lief wie auf Schienen durch den Raum.

Nicht die Flammen allein machten das Geschehen tödlich. Der Schaum wirkte wie ein Brandbeschleuniger und zugleich wie ein Giftgenerator. Dichter, schwarzer Rauch füllte den Keller, nahm den Gästen die Sicht und vor allem die Luft. Viele erstickten, bevor sie die engen Ausgänge erreichen konnten. Überlebende berichten von einem Moment, in dem die Hitze von oben kam, dann von allen Seiten – und plötzlich nirgendwo mehr ein Ausweg sichtbar war.

Besonders brisant sind nun aufgetauchte Aufnahmen aus den Wochen vor dem Brand. Sie zeigen, wie ein Mitarbeiter die Befestigung der Schaumstoffplatten prüft. Eine Platte löst sich sofort. Der Betreiber reagiert zögerlich, kennt das Material nicht, bittet um eine schnelle Kontrolle – und akzeptiert den Zustand dennoch. Andere Sequenzen zeigen improvisierte Reparaturen mit Billardqueues und Tüchern. Sicherheit wirkt hier wie eine Randnotiz, nicht wie Pflicht.



Parallel dazu offenbaren die Ermittlungen strukturelle Versäumnisse. Pflichtinspektionen blieben offenbar aus. Automatische Löschanlagen fehlten, Notausgänge waren unzureichend. Nun stehen nicht nur die Betreiber, gegen die wegen fahrlässiger Tötung ermittelt wird, unter Druck, sondern auch das Kontrollsystem der lokalen Behörden selbst. Welche Materialien dürfen in öffentlich zugänglichen Räumen verbaut werden? Und wer überprüft das – wirklich?

Crans-Montana könnte zum Symbol werden. Nicht wegen eines einzelnen Fehlers, sondern wegen einer Kette vermeidbarer Nachlässigkeiten. Eine Decke aus Schaumstoff, leicht entzündlich, schlecht befestigt, kaum kontrolliert – und am Ende tödlich. Manchmal entscheidet nicht der große Knall über Leben und Tod, sondern das Material über unseren Köpfen.

Autor: Daniel Ivers

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