Ein leiser Morgen in San Francisco. Nebel hängt über den Hügeln, die Straßen wirken müde, fast nachdenklich. Und irgendwo zwischen Haight Ashbury und dem Pazifik schwebt eine Nachricht, die sich anfühlt wie ein letzter, langer Gitarrenakkord: Bob Weir ist tot. 78 Jahre alt. Einer, der nie einfach nur Musik machte, sondern Räume öffnete. Innenräume. Freiheitsräume.
Wer jetzt denkt, es gehe bloß um den Tod eines Rockmusikers, greift zu kurz. Hier endet ein Kapitel amerikanischer Kulturgeschichte. Oder besser gesagt: ein Kapitel, das sich weigert, wirklich zu enden.
Bob Weir war mehr als der Gitarrist der Grateful Dead. Er war der stille Architekt zwischen den ekstatischen Ausbrüchen, der Mann zwischen den Noten, der Rhythmusgeber eines Kollektivs, das sich nie wie eine klassische Band anfühlte. Eher wie eine Kommune mit Verstärkern.
Ein Freund sagte einmal über ihn: „Bobby spielte nicht Gitarre, um zu glänzen. Er spielte, damit andere fliegen konnten.“ Trifft es ziemlich gut, oder?
Ein Teenager findet seinen Weg
Geboren 1947 als Robert Hall Parber, adoptiert von der Familie Weir, wächst Bob Weir nicht im Rampenlicht auf. Kein Wunderkind, kein geschniegelt geplanter Karrierestart. Eher ein Suchender. Einer, der früh merkt, dass Schule ihn langweilt, Musik jedoch fesselt. Mit 16 fliegt er von der High School. Mit knapp 17 trifft er Jerry Garcia.
Zufälle spielen manchmal verrückt.
Die beiden begegnen sich 1963 in Palo Alto. Ein banaler Moment, eine Kreuzung zweier Lebenslinien. Doch daraus entsteht etwas, das später ganze Generationen prägen sollte. Aus Folk Sessions werden Bands. Aus Bands werden Ideen. Aus Ideen wird eine Bewegung.
Mitte der 1960er formiert sich schließlich das, was später als Grateful Dead Geschichte schreibt. San Francisco brodelt. LSD, Vietnamproteste, freie Liebe, offene Fragen. Die Stadt fühlt sich an wie ein Experimentierlabor. Und Bob Weir steht mittendrin, Gitarre umgehängt, Blick offen, manchmal fast scheu.
Musik ohne Geländer
Die Musik der Grateful Dead entzieht sich von Anfang an klaren Schubladen. Blues trifft Country, Jazz flirtet mit Bluegrass, Rock verliert seine Regeln. Songs dehnen sich. Drei Minuten? Lächerlich. Zehn, zwanzig, manchmal dreißig Minuten Improvisation. Kein Abend gleicht dem anderen.
Bob Weir spielt dabei eine besondere Rolle. Während Garcia die Soli schwebend in den Himmel zieht, webt Weir rhythmische Muster darunter, verschiebt Akzente, bricht Erwartungen. Seine Gitarre klingt oft wie ein Gespräch im Hintergrund – aufmerksam, widerspenstig, lebendig.
Manche Kritiker verstanden das nie. Fans schon.
Oder besser gesagt: Deadheads. Diese treue, wandernde Gemeinschaft, die den Grateful Dead von Stadt zu Stadt folgt. Menschen mit bunten Bussen, selbstgemalten T Shirts, leuchtenden Augen. Konzert als Ritual, Tour als Lebensform. Wer einmal dabei war, erzählt noch Jahre später davon. „Du gehst rein als Zuschauer und kommst raus als Teil von etwas“, sagt ein Fan. Klingt groß? War es auch.
Berühmte Zuhörer, stille Verbundenheit
Unter diesen Deadheads fanden sich überraschende Namen. Steve Jobs etwa. Oder Al Gore. Menschen, die in völlig anderen Welten wirkten, sich aber in dieser Musik wiederfanden. Vielleicht, weil sie Fragen stellte, ohne Antworten aufzuzwingen.
Bob Weir mochte diesen Kult um die Band nie besonders kommentieren. Ruhm schien ihm eher lästig. Wichtig war das Unterwegssein. Die Bühne. Der nächste Akkord.
Über 60 Jahre tourte er fast ohne Pause. Sechzig Jahre! Stell dir das mal vor. Während andere längst ihre Gitarren an die Wand hängten, stand Weir weiterhin auf der Bühne. Mit grauem Bart, manchmal mit müden Augen – aber immer präsent.
Warum tut man sich das an?
Vielleicht, weil Stillstand für ihn nie eine Option war.
Krankheit und letzte Auftritte
Im Sommer 2025 dann die Diagnose: Krebs. Eine Nachricht, die viele Fans erschüttert. Bob Weir zieht sich jedoch nicht zurück. Im Gegenteil. Nur einen Monat später steht er in San Francisco auf der Bühne und feiert 60 Jahre Musik. Drei Abende hintereinander. Keine große Show, kein Pathos. Einfach spielen.
Ein Freund erzählt später: „Er wusste, dass es hart wird. Aber Aufhören kam nicht infrage.“ Typisch Bobby.
Am Ende besiegt er den Krebs. Doch der Körper bleibt angeschlagen. Lungenprobleme machen ihm zu schaffen. Anfang Januar 2026 stirbt Bob Weir friedlich, im Kreis seiner Familie. Ort und genaue Zeit bleiben privat. Irgendwie passend für jemanden, der nie viel Aufhebens um sich selbst machte.
Licht über Manhattan
Am Abend seines Todes leuchtet das Empire State Building in bunten Farben. Eine Hommage. Ein stilles Dankeschön. Hippie Farben im Herzen der Metropole. Ein Bild, das hängen bleibt.
Und irgendwo hört jemand „Truckin’“. Oder „Casey Jones“. Oder vielleicht „Touch of Grey“. Songs, die längst Teil des kollektiven Gedächtnisses sind.
Apropos „Touch of Grey“. 1987 bringt dieser Song den Grateful Dead ihren größten kommerziellen Erfolg. Ironisch eigentlich. Ausgerechnet ein Lied über das Älterwerden macht sie massentauglich. Die Band, die sich nie um Charts scherte, landet plötzlich in den Top Ten.
Bob Weir nimmt es gelassen. Erfolg war nie der Maßstab.
Nach Garcia und doch nie vorbei
1995 stirbt Jerry Garcia mit 53 Jahren. Herzinfarkt. Drogen. Ende einer Ära. Die Grateful Dead lösen sich offiziell auf. Viele glauben, das war’s.
Aber Musik denkt nicht in Abschlüssen.
In den Jahren danach formieren sich immer wieder neue Projekte. Reunion Konzerte. Jubiläen. 2015 eine Abschiedstour. Wenige Wochen später dann die nächste Wendung: Dead and Company. Bob Weir kehrt zurück, gemeinsam mit jüngeren Musikern. Generationen verbinden sich. Alte Songs atmen neu.
Ist das Nostalgie? Oder Weitergabe? Vielleicht beides.
Der Letzte seiner Art
Mit Weirs Tod bleibt Bill Kreutzmann als letztes lebendes Gründungsmitglied zurück. Phil Lesh starb 2024, Ron McKernan bereits 1973. Eine ganze Generation verschwindet langsam aus dem Hier und Jetzt.
Doch was bleibt?
Mehr als Platten. Mehr als Mitschnitte. Es bleibt ein Gefühl. Freiheit. Improvisation. Vertrauen darauf, dass Musik auch ohne Netz funktioniert.
Bob Weir verkörperte genau das. Er spielte nie für Perfektion. Er spielte für den Moment. Und manchmal klang dieser Moment roh, schief, unberechenbar. Aber immer ehrlich.
Ein letzter Gedanke
Vielleicht liegt darin sein Vermächtnis. In einer Welt, die ständig optimiert, kontrolliert, geplant wirkt, erinnert Bob Weir daran, dass Schönheit oft dort entsteht, wo man loslässt. Wo man zuhört. Wo man sich traut, den nächsten Akkord einfach zu spielen und zu schauen, was passiert.
Wer weiß, vielleicht jammt er jetzt irgendwo mit Jerry Garcia. Ohne Setlist. Ohne Uhr. Nur Musik.
Und ganz ehrlich: Gibt es einen besseren Abgang?
Ein Artikel von M. Legrand
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