Die französische Marianne und der deutsche Michel

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Eugène Delacroix, La liberté guidant le peuple, 1830

Viele Länder haben für ihre Nation neben anderen Symbolen eine Allegorie, eine Figur, die nationale Eigenheiten verkörpert. So ist zum Beispiel Uncle Sam als personifiziertes Symbol der USA wahrscheinlich weltweit bekannt.

In Frankreich ist es die allegorische Figur der Marianne. Seit der französischen Revolution gilt sie als Symbol der Freiheit und als Allegorie der Republik. Mit ihrer phrygischen Mütze, dem Zeichen der befreiten Sklaven, auch Jakobinermütze genannt, verkörpert sie ideal den ersten der drei Grundwerte – Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit –, die auch in der Verfassung verankert sind. – Den meisten fällt zur französischen Marianne spontan das oben abgebildete bekannte Gemälde von Eugène Delacroix ein, auf dem die Freiheit in Person einer heroischen Frauengestalt das Volk führt.   

Schon 1792 wurde die Figur zur offiziellen Repräsentantin erhoben. Heute steht Marianne als Büste in den meisten französischen Rathäusern und als Statue auf vielen Plätzen. Ihr Bild ist auf den 1-, 2- und 5-Cent-Münzen zu sehen. Auch auf Briefmarken ist es abgebildet, es wird vom jeweiligen Präsidenten als Symbol für den Fokus seiner Politik ausgewählt. Oftmals wurde die Marianne von bekannten Schauspielerinnen repräsentiert (z. B. 1968: Brigitte Bardot, „la Brigitte nationale“, 1985: Catherine Deneuve). Seit 2018 ist es die „Marianne l’engagée“, die die Zielrichtung von Macrons Politik ausdrücken soll: modern, fortschrittlich, den Blick offen, Symbol für das auf die Zukunft gerichtete Frankreich.

Dagegen ist das Bild des deutschen Michels wenig schmeichelhaft. Im 16. Jahrhundert verkörperte er das gemeine Volk und war Sinnbild für Dummheit und Trägheit. Dieses Bild entsprach ganz den Vorurteilen, die man im Ausland über „den Deutschen“ hatte. Im 17. Jahrhundert wandelte es sich und wurde freundlicher. Der Michel stand für deutsche Gemütlichkeit, aber auch für Biederkeit. „Im Grunde genommen ist der Michel eine verschlafene, harmlose und spießige Gestalt“, so der Historiker Op de Hipt. “Die Nationalfigur der Deutschen verkörpert – anders als etwa die französische Marianne oder der US-amerikanische Onkel Sam – in erster Linie die Vorstellungen der Deutschen über sich selbst.”

Dieses verpennte, zipfelmützige Selbstbild der Deutschen passte nicht zum Gesicht, das die Deutschen während der Weltkriege zeigten. Die schwächliche Nationalfigur war vor allem für Hitler und seine Vorstellung von der Überlegenheit der Rasse alles andere als annehmbar.

Erst nach 1945 konnte der Michel wieder die mit ihm verbundene Idee vom „kleinen Mann“ repräsentieren. Das harmlose Männchen mit der Zipfelmütze (die als eine „Kreuzung zwischen Zwergenhut und Schlafmütze“ bezeichnet wurde) erfreut sich heute vor allem bei deutschen Karikaturisten einer großen Beliebtheit.

So lebendig wie die französische Marianne ist der deutsche Michel aber noch lange nicht … Will er das überhaupt sein?

Das fragt

deine Elisa

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