Vierzehn Stufen. Rostfarben. Schwer wie ein Kleinwagen. Und plötzlich 450.160 Euro wert. Man könnte sagen: Das ist ziemlich viel Geld für eine alte Treppe. Doch wer so spricht, unterschätzt die eigentliche Ware. Versteigert wurde in Paris kein Eisen. Versteigert wurde Erinnerung.
Ein Segment der ursprünglichen Wendeltreppe des Eiffelturms wechselte am 21. Mai den Besitzer. Jene Treppe also, über die einst Besucher der Weltausstellung von 1889 nach oben stiegen — geschniegelt, staunend, vielleicht leicht außer Atem. Vierzehn Stufen, die über Jahrzehnte Füße, Geschichten und Weltgeschichte getragen haben. Nun stehen sie irgendwo zwischen Kunstobjekt, Reliquie und Kapitalanlage.
Der Eiffelturm besitzt diese sonderbare Fähigkeit, zugleich vollkommen vertraut und vollkommen unwirklich zu wirken. Jeder kennt ihn. Jeder hat ihn gesehen — auf Tassen, Kühlschrankmagneten, Filmszenen oder verschwommenen Handyfotos bei Nacht. Gerade deshalb entfaltet ein echtes Stück des Bauwerks eine fast magische Anziehungskraft. Als ließe sich ein wenig Paris aus dem Postkartennebel herausbrechen und mit nach Hause nehmen.
Natürlich kauft niemand eine Treppe, um damit ins Obergeschoss zu gelangen.
Man kauft Erzählbarkeit.
Die Geschichte beginnt im 19. Jahrhundert, als Gustave Eiffel sein eisernes Monstrum errichten ließ und halb Paris empört protestierte. Schriftsteller und Künstler wetterten gegen den Turm, bezeichneten ihn als Schandfleck, als Fabrikschlot mit Größenwahn. Heute wirkt diese Empörung fast rührend. Denn längst hat der Turm die Stadt nicht verschandelt, sondern verschluckt. Ohne ihn erscheint Paris kaum noch denkbar.
Vielleicht liegt genau darin das Geheimnis solcher Auktionen. Menschen sammeln keine Objekte, sondern Nähe zu einem Mythos. Ein Stück Berliner Mauer, ein Stein aus dem Yankee Stadium, ein Sitz aus der Concorde — Dinge werden kostbar, sobald Geschichte an ihnen klebt wie alter Lack.
Und der Eiffelturm? Der ist ein Meister dieser Verwandlung.
1983 wurde die originale Treppe zwischen zweiter und dritter Etage im Zuge einer Modernisierung demontiert. 24 Teile entstanden, zwanzig davon gelangten in private Hände. Einige Segmente landeten an Orten, die selbst längst Symbolcharakter tragen: nahe der Freiheitsstatue in New York oder irgendwo in Japan, wo französische Nostalgie seit Jahrzehnten Hochkonjunktur besitzt. Die Treppe zerstreute sich über den Globus wie Reliquien eines säkularen Zeitalters.
Das klingt ein bisschen verrückt — ist es wahrscheinlich auch.
Doch Luxusmärkte funktionieren selten nach Vernunft. Sie leben von Aura. Und kaum eine Stadt produziert Aura so zuverlässig wie Paris. Der Eiffelturm steht nicht bloß aus Stahl auf dem Marsfeld; er steht in zahllosen Sehnsüchten. Für Liebe, für Eleganz, für jene Vorstellung Europas, in der selbst Regen romantisch wirkt und Zigarettenrauch literarisch.
Wer 450.160 Euro bezahlt, ersteigert deshalb weniger ein Architekturfragment als einen emotionalen Kurzschluss. Ein Objekt, das sofort Geschichten erzeugt. Gäste bleiben davor stehen. Fragen entstehen automatisch: „Ist das wirklich echt?“ Und schon beginnt die kleine private Vorlesung über Belle Époque, Weltausstellung und französischen Größenwahn.
Vielleicht steckt darin auch ein stiller Protest gegen die Gegenwart. Alles digitalisiert sich, Bilder rauschen sekündlich vorbei, Erinnerungen verschwinden im Smartphonearchiv. Ein 1,4 Tonnen schweres Stück Stahl dagegen besitzt Wucht. Es altert sichtbar. Es rostet. Es beansprucht Raum. Man kann es nicht wegwischen wie eine App.
Und seien wir ehrlich: Wer möchte nicht ein winziges Stück Paris besitzen?
Selbst dann, wenn man dafür eine halbe Million Euro auf den Tisch legen muss.
Ein Artikel von M. Legrand
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