In Frankreich begann das neue Jahr mit einer sehr traurigen Nachricht. Neun französische Staatsbürger verloren in der Silvesternacht ihr Leben bei dem Brand der Bar Le Constellation im Schweizer Wintersportort Crans-Montana. Neun Menschen, deren Lebensläufe sich in dieser einen Nacht kreuzten – zufällig, beiläufig, schicksalhaft. Sie wollten feiern, arbeiten, Musik auflegen, Freunde treffen. Sie kamen nicht zurück.
Die Namen tauchten nach und nach auf, begleitet von Fotos aus glücklicheren Zeiten. Es sind diese Bilder, die den abstrakten Begriff „Opfer“ zerlegen. Plötzlich steht da ein Vater, eine Tochter, ein DJ hinter Mischpulten, ein Teenager im Fußballtrikot. Frankreichs Anteil an dieser Tragödie ist nicht nur statistisch, er ist zutiefst menschlich.
Giovanni Putelli war 39 Jahre alt, Familienvater, zwei Kinder. Er war kein Stammgast dieser Nacht, kein Student auf der Suche nach dem Rausch. Er war einfach da. Sein Bruder spricht von Dankbarkeit für die Anteilnahme, von einer Trauer, die alles andere überlagert. In solchen Momenten wirken Worte klein, beinahe unverschämt. Und doch klammert man sich an sie, weil Schweigen kaum auszuhalten ist.
Ganz anders, aber nicht weniger erschütternd ist die Geschichte von Cyane Panine. 24 Jahre alt, Franco-Schweizerin, aufgewachsen in Sète, arbeitete sie als Servicekraft im „Constellation“. Sie war an diesem Abend nicht Gast, sondern Teil des Teams. Eine junge Frau, die anderen einen schönen Abend ermöglichen wollte. Ihre Mutter beschreibt sie als schön an Herz und Seele. Das ist keine Floskel, sondern der verzweifelte Versuch, ein ganzes Leben in einen Satz zu pressen.
Unter den Toten ist auch Charlotte Niddam, gerade einmal 15 Jahre alt. Drei Staatsangehörigkeiten, ein Leben zwischen Ländern, zuletzt in der Schweiz, zuvor in Paris und London. Sie babysittete, jobbte, lernte, wie Jugendliche das tun, die neugierig auf die Welt sind. Ihre Familie bestätigte ihren Tod, die Beerdigung soll in Paris stattfinden. Eine Pariser Trauerfeier für ein Mädchen, das noch nicht einmal volljährig war – allein dieser Gedanke schmerzt.
Matéo Lesguer war 23 und DJ. In Crans-Montana kannte man ihn. Drei Jahre lang legte er regelmäßig auf, wurde Teil der lokalen Szene, ein vertrautes Gesicht hinter den Plattentellern. Freunde beschreiben ihn als leidenschaftlich, auf dem Sprung nach oben. Musik war für ihn kein Hobby, sondern Lebensentwurf. In der Nacht des Brandes stand er dort, wo er immer stand: mitten im Geschehen. Dass ausgerechnet dieser Ort ihm zum Verhängnis wurde, wirkt grausam ironisch.
Auch Noémie Dabin zählt zu den französischen Opfern. 26 Jahre alt, Studentin aus Toulouse. Sie feierte den Jahreswechsel mit einer Freundin, die schwer verletzt überlebte. Zwei junge Frauen, ein gemeinsamer Abend, dann die Katastrophe. Für die eine endet er im Krankenhaus, für die andere im Tod. Man möchte sich nicht ausmalen, wie sich Schuldgefühle anfühlen, auch wenn sie unbegründet sind.
Besonders erschütternd ist der Tod von Noa Thévenot. 14 Jahre alt. Ein Alter, in dem andere über Hausaufgaben klagen oder vom ersten Urlaub ohne Eltern träumen. Noa stammte aus Besançon, lebte mit seinem Vater in Genf, spielte Fußball. Sein ehemaliger Verein verabschiedete ihn mit wenigen, nüchternen Worten. Vielleicht, weil alles andere zu pathetisch gewirkt hätte. Vielleicht, weil es keine Sprache für so etwas gibt.
Neben diesen namentlich bekannten Opfern starben eine 33-jährige Französin sowie zwei junge Männer im Alter von 17 und 20 Jahren. Ihre Familien entschieden sich gegen öffentliche Auftritte, gegen Medien, gegen Zitate. Auch das ist Teil der Trauer. Nicht jeder Schmerz sucht das Licht.
Auffällig ist, wie jung viele der französischen Opfer waren. Teenager, Studierende, Berufseinsteiger. Menschen in Übergangsphasen, mit halbfertigen Plänen, offenen Möglichkeiten. Genau deshalb trifft diese Tragödie Frankreich besonders hart. Es ist nicht nur der Verlust von Leben, sondern von Zukunft.
Der französische Staat reagierte schnell. Das Außenministerium bestätigte die Todesfälle, die Justiz leitete eine sogenannte Spiegelermittlung ein, um Angehörige zu begleiten und Informationen zu sichern. Bürokratische Begriffe für einen zutiefst emotionalen Prozess. Aber sie zeigen, dass der Staat versucht, Halt zu geben, wo privat alles ins Rutschen geraten ist.
In vielen französischen Städten brennen Kerzen. In Besançon, in Toulouse, in Paris. Keine großen Zeremonien, eher stille Gesten. Vielleicht ein paar Blumen, ein handgeschriebener Zettel. „Pour ne pas oublier.“ Um nicht zu vergessen. Denn genau das droht bei diesen Zahlen. Dass man vergisst, dass hinter jeder Ziffer ein Leben stand.
Crans-Montana wird diesen Brand nicht loswerden, Frankreich auch nicht. Zu eng sind die Geschichten miteinander verwoben. Die einen kamen zum Arbeiten, die anderen zum Feiern, wieder andere einfach, weil sie jung waren und das Leben sich leicht anfühlte. In dieser Nacht verlor Frankreich neun seiner Kinder, Freunde, Geschwister. Und ein Stück Unschuld gleich mit.
Von C. Hatty
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