Tag & Nacht


Manche Sätze bleiben hängen wie ein Lied, das man nie ganz vergisst. Leise ausgesprochen, fast nebenbei, irgendwo zwischen Pausenbrot und Kinderträumen. „Ich werde einmal in Kanada leben.“ Stéphane Denis hatte diesen Satz mit sechs oder sieben Jahren gesagt. Kein Schwur, kein Plan, eher ein Gedanke, der sich festsetzte. Heute steht er mehr als 5.000 Kilometer von seiner Geburtsstadt Dieppe entfernt, mitten in den endlosen Wäldern von Québec, und weiß: Dieser Satz hat sein Leben geschrieben.

Wer Stéphane heute begegnet, sieht keinen klassischen Auswanderer. Kein Mann auf der Flucht, kein Abenteurer mit romantischer Verklärung. Sondern jemanden, der angekommen ist. Die Krawatte hat er längst gegen Parka und Wollmütze getauscht. Seit 23 Jahren lebt er hier, und noch immer, sagt er, verschlägt es ihm regelmäßig die Sprache. Nicht aus Kälte. Sondern aus Ehrfurcht.

Die kanadische Wildnis hat eine eigene Art, Menschen zu erden. Sie duldet keine Eile, keine Ungeduld. Wer hier lebt, lernt schnell, dass der Wald keinen Zeitplan kennt. Stéphane lernte es auf die harte Tour. Als er mit Anfang 30 beschloss, alles hinter sich zu lassen, verkaufte er seine Unternehmen in der französischen Fischzucht. Ein sicherer Weg, ein solides Leben. Aber kein ruhiges.

Der Wunsch nach Stille, nach Weite, nach etwas Ursprünglichem hatte sich über Jahre aufgebaut. Kanada war dabei weniger Ziel als Verheißung. Schon sein Vater hatte ihm als Kind Geschichten erzählt. Von Bisons, von riesigen Ebenen, von einer Welt, die größer schien als alles, was man kannte. Diese Erzählungen wirkten wie ein innerer Kompass. Sie zeigten nicht den Weg, aber die Richtung.



Als Stéphane schließlich in Québec ankam, war nichts romantisch. Die Kälte kam zuerst. Minus 40 Grad, manchmal mehr. Ein Winter, der keine Fehler verzeiht. Vier Jahre brauchte er, um sich wirklich anzupassen. Feuer im Schnee zu machen, bei starkem Wind, ohne moderne Hilfsmittel. „Du bist den Elementen ausgeliefert“, beschreibt er es. Wie ein Seemann auf offener See. Wer den Sturm unterschätzt, zahlt einen Preis.

Diese Erfahrung schärft den Blick. Und sie formt den Charakter. Stéphane baute sich sein Leben Schritt für Schritt auf. Erst kleine Hütten im Wald, dann ein ganzes Aktivitätszentrum für Reisende, die die Wildnis erleben wollten. Kein Massentourismus, kein Spektakel. Sondern Respekt vor dem Ort.

Besonders am Herzen lagen ihm die Waldbisons. Tiere, die fast ausgerottet worden wären, Opfer menschlicher Gier während der Eroberung des Westens. Stéphane gründete die erste Bison-Reserve dieser Art in Québec. Kein Prestigeprojekt, sondern eine Verpflichtung. Er spricht über diese Tiere mit einer Mischung aus Fachwissen und kindlicher Begeisterung. Man merkt sofort: Das ist keine Rolle. Das ist Identität.

Integration war für ihn nie ein abstrakter Begriff. Sie begann am Esstisch, bei Nachbarn, bei Mitarbeitenden. Das Québec-Französisch stellte ihn vor Herausforderungen. Der Dialekt, die Redewendungen, der Tonfall. Ein kleines Dorf, sagt er, kann sprachlich härter sein als eine Großstadt. Aber auch ehrlicher.

Stéphane lernte zuzuhören. Nicht zu korrigieren, nicht zu vergleichen. Sondern anzunehmen. Heute wechselt er mühelos den Akzent, wenn er mit Einheimischen spricht. Ein Franzose, der sich selbstironisch fast als „mehr Québecer als die Québecer“ bezeichnet. Ein Satz mit Augenzwinkern, aber nicht ohne Wahrheit.

Diese doppelte Kultur lebt er nicht nur selbst, er gab sie weiter. Seine Tochter kam mit zehn Jahren nach Kanada. Sie wuchs hier auf, ging zur Schule, lernte dieselben Winter zu lieben und zu fürchten. Heute besitzt sie die doppelte Staatsbürgerschaft. Frankreich bleibt Teil ihrer Geschichte, aber Kanada ist ihr Alltag. Ihr Normalzustand.

Was treibt Menschen wie Stéphane an? Es ist nicht der Wunsch nach Flucht. Es ist die Sehnsucht nach Kohärenz. Danach, dass das eigene Leben zu den inneren Bildern passt. Viele tragen solche Bilder in sich. Wenige folgen ihnen.

Natürlich gibt es Zweifel. Natürlich gibt es Einsamkeit. Wer behauptet, Auswandern sei ein endloser Urlaub, war nie wirklich weg. Aber Stéphane spricht über diese Brüche ohne Bitterkeit. Eher mit Gelassenheit. Probleme, sagt er, verlieren hier draußen ihre Lautstärke. Nicht ihre Bedeutung, aber ihre Dringlichkeit.

Vielleicht liegt genau darin das Glück, das so viele im „anderen Ende der Welt“ suchen. Nicht in der Entfernung, sondern im Maßstab. Wenn der Horizont weiter wird, schrumpfen die Sorgen. Ein bisschen zumindest.

Und irgendwo, zwischen knarrendem Schnee, bellenden Hunden und dem dampfenden Atem der Bisons, steht ein Mann, der als Kind einen Satz gesagt hat. Und ihn ernst genommen hat. Nicht sofort. Aber rechtzeitig.

Autor: Andreas M. Brucker

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