Tag & Nacht


Schon wieder ein Name. Schon wieder ein junges Leben, das endet, bevor es überhaupt richtig begonnen hat. Tyah, 16 Jahre alt. Und schon wieder diese erstickende Mischung aus Betroffenheit, Schweigen und halbherzigen Erklärungen. Frankreich hält kurz inne, senkt den Blick – und macht dann weiter wie zuvor. Als handle es sich um ein tragisches, aber letztlich unvermeidbares Einzelschicksal. Genau das ist die bequemste Lüge.

Denn Tyah ist kein Einzelfall. Sie reiht sich ein in eine Kette von Schüler-Selbstmorden, die in Frankreich seit Jahren wächst wie ein dunkler Schatten über den Schulhöfen. Namen verschwinden schnell aus den Schlagzeilen, die Muster bleiben. Mobbing, soziale Ausgrenzung, psychischer Druck, institutionelles Wegsehen. Und am Ende eine Kerze vor einem Schultor, ein paar Blumen, eine Schweigeminute. Danach Stille. Diese Stille ist der eigentliche Skandal.

Man kennt das Ritual inzwischen zur Genüge. Sobald ein solcher Tod öffentlich wird, sprechen alle von „Betroffenheit“. Rektorate betonen, man habe begleitet, unterstützt, reagiert. Ministerien verweisen auf Präventionsprogramme, Hotlines, Broschüren. Papier ist geduldig. Jugendliche sind es nicht. Wer jemals mit 15 oder 16 täglich Angst hatte, die Schule zu betreten, weiß, wie hohl diese Formeln klingen. Wer nie erlebt hat, wie sich systematisches Demütigen anfühlt, redet leicht von Resilienz und Konfliktbewältigung.

In den letzten Jahren haben mehrere Fälle das Land erschüttert. Schüler, die sich nach monatelangem Cybermobbing das Leben nahmen. Jugendliche, die Abschiedsbriefe hinterließen, in denen Lehrer, Mitschüler, Institutionen angeklagt werden – und doch niemand verantwortlich sein will. Immer wieder heißt es, man habe nichts gewusst. Oder schlimmer: Man habe Hinweise gehabt, aber keine ausreichenden Mittel. Übersetzt heißt das: Man hat es laufen lassen.



Was besonders wütend macht, ist die Doppelmoral. Schulen predigen Werte, Respekt, Solidarität. Gleichzeitig funktionieren sie oft wie geschlossene Systeme, in denen Probleme möglichst leise gehalten werden sollen. Ein gemeldeter Mobbingfall stört den Betrieb, kratzt am Ruf, verursacht Arbeit. Also wird relativiert, vertagt, beschwichtigt. Für Erwachsene ein Verwaltungsproblem. Für betroffene Jugendliche eine existentielle Bedrohung. Das Missverhältnis könnte kaum brutaler sein.

Und dann diese empörte Überraschung, wenn es zum Äußersten kommt. „Wir verstehen nicht, warum sie nichts gesagt hat.“ Doch, viele haben etwas gesagt. Immer wieder. Nur wurde nicht wirklich zugehört. Oder man hörte zu, ohne Konsequenzen folgen zu lassen. Für einen Teenager ist das eine klare Botschaft: Du bist allein. Geh damit um.

Tyahs Tod zwingt zu einer unbequemen Frage, die niemand gern stellt. Wie viele solcher Todesfälle braucht es noch, bis Frankreich aufhört, Schüler-Selbstmorde als tragische Ausnahmen zu behandeln? Wie viele Gedenkminuten, wie viele Pressemitteilungen, wie viele Tränen, bevor man anerkennt, dass das System versagt? Nicht punktuell, sondern strukturell.

Ein Land, das seine Jugendlichen verliert, verliert mehr als einzelne Leben. Es verliert Vertrauen, Glaubwürdigkeit, Zukunft. Und solange man lieber verwaltet als schützt, lieber beschwichtigt als handelt, wird das nächste Kerzenmeer nur eine Frage der Zeit sein. Das ist keine Polemik. Das ist die bittere Realität, die wir uns selbst geschaffen haben.

Ein Kommentar von C. Hatty


Bekannteste Fälle von Schüler-Suiziden in Frankreich (ab 2023)

1. 17-jährige Schülerin „Camélia“ – Mitry-Mory (13. Jan 2026)
Ein 17-jähriges Oberstufenmädchen am Lycée Honoré-de-Balzac in Mitry-Mory (Seine-et-Marne) nahm sich Anfang Januar 2026 das Leben, indem sie sich absichtlich vor einen RER-Bahnzug warf. Medienberichten zufolge war sie seit Dezember 2025 wiederholtem Schul-Mobbing ausgesetzt – die Familie hatte die Schule bereits vor dem Vorfall informiert. Der Fall löste Trauer, spontane Schüler-Gedenkversammlungen und Forderungen nach mehr Anti-Mobbing-Maßnahmen aus.


2. 9-jähriges Mädchen – Sarreguemines (ca. Okt 2025)
Im Herbst 2025 sorgte der Suizid eines neun Jahre alten Grundschulkindes im nordöstlichen Sarreguemines für nationale Bestürzung. Nach Angaben der Polizei hinterließ das Mädchen einen Abschiedsbrief; Eltern und Medien berichteten, dass das Kind in der Schule über Monate hinweg wegen seines Gewichts verspottet wurde und psychisch stark belastet war. Der Fall rückte das Thema Mobbing bei jüngeren Schülerinnen und Schülern in den Fokus.


3. 13-jähriger Lucas – Épinal / Golbey (Januar 2023)
Einer der medienwirksamsten Fälle der letzten Jahre war der Selbstmord des 13-jährigen Lucas, der sich Anfang 2023 zu Hause erhängte. Die Familie führte monatelanges homophobes Mobbing an seinem Gymnasium in Golbey als zentralen Belastungsfaktor an; der Fall löste in Frankreich eine breite öffentliche Debatte über Mobbing, schulische Prävention und justizielle Aufarbeitung aus.

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