Tag & Nacht


Der Winter klopft nicht höflich an, er tritt die Tür ein. In der Franche-Comté, dieser oft stillen, landschaftlich herben Region im Osten Frankreichs, herrscht seit den frühen Morgenstunden des 5. Januar 2026 ein Kälteregime, das selbst erfahrene Einheimische innehalten lässt. Das Thermometer ist in den Hochlagen des Jura auf Werte gefallen, die man dort kennt, aber nicht jedes Jahr erleben möchte. Minus 27 Grad. Und teils noch darunter.

In den Senken und sogenannten Combes des Juragebirges, jenen natürlichen Kälteschüsseln, sammelte sich in der Nacht die polare Luft wie Wasser in einer Mulde. Ein zweites „polares Erwachen“, wie es die Météo franc-comtoise nennt, nach dem bereits frostigen Sonntag. Wer früh unterwegs war, hörte den Schnee unter den Schuhen nicht nur knirschen, sondern trocken knacken. Ein Geräusch, das nur große Kälte kennt.

Besonders hart traf es einige kleinere Orte im Département Doubs. Reculfoz meldete –27,7 Grad, Les Pontets –27,6 Grad, La Chaux exakt –27,0 Grad. Zahlen, die nüchtern wirken, aber eine fast physische Wucht entfalten, wenn man sie spürt. Autos springen nur widerwillig an, Atem gefriert zu kleinen Wolken, und selbst der Himmel scheint spröde.

Auch andere bekannte Kältepole der Region meldeten eindrucksvolle Werte. Arc-sous-Cicon bei –24,3 Grad, Chapelle-des-Bois knapp darunter, Mouthe –22,3 Grad. Mouthe, dieses Dorf, das in Frankreich fast synonym mit Winterkälte steht, blieb diesmal sogar unter seinen Extremrekorden, was allerdings nur ein schwacher Trost ist. In Pontarlier, Morteau oder Champagnole pendelten die Temperaturen zwischen minus 20 und minus 22 Grad. Kalt genug, um jeden Gedanken an Romantik rasch zu beenden.



Selbst das nördliche Flachland der Franche-Comté blieb nicht verschont. Felon verzeichnete –14,4 Grad, Luxeuil-les-Bains –14,2 Grad, Vesoul –11 Grad, Belfort-Dorans –10 Grad. Keine Rekorde vielleicht, aber Werte, die das öffentliche Leben verlangsamen. Schulen reagieren, Kommunen streuen, Heizungen laufen auf Anschlag. Man rückt näher zusammen, im wörtlichen wie im übertragenen Sinn.

„Solche Temperaturen hat man in den meisten dieser Gegenden seit 2017 oder 2018 nicht mehr gemessen“, erklärt Ylies Ghouil, der Gründer der Plattform Météo franc-comtoise. Er beobachtet seit Jahren die klimatischen Eigenheiten dieser Region, kennt ihre Launen und Extreme. Seine nüchternen Feststellungen wirken wie ein Protokoll, hinter dem sich dennoch Staunen verbirgt.

Der Blick über die Grenze relativiert und verschärft zugleich. Im schweizerischen La Brévine, dem berüchtigten „Kleinen Sibirien“, sackte das Thermometer auf –30,3 Grad ab. Ein paar Kilometer Luftlinie, ein paar Grad Unterschied, aber meteorologisch derselbe Atemzug arktischer Luft. Die Kälte macht nicht an Landesgrenzen halt.

In den Städten zeigt sich der Winter von seiner ästhetischen Seite. Im Bregille-Viertel von Besançon überzieht Reif die Bäume wie eine feine Zuckerschicht, Dächer glänzen im ersten Licht des Tages, und die Doubs-Schleife wirkt wie erstarrt. Fotografen sind früh unterwegs, soziale Netzwerke füllen sich mit Bildern, die zwischen Postkartenidylle und ehrfürchtigem Schweigen changieren. Sieht brutal aus, aber auch irgendwie schön – sagen viele. Und frieren dabei.

Meteorologisch ist dieser Kälteeinbruch das Resultat einer stabilen Hochdrucklage über Nordeuropa, die kontinentale Polarluft nach Westen lenkt. In klaren Nächten ohne Wind kann die Kälte ungehindert ausstrahlen, besonders in Höhenlagen und Senken. Ein bekanntes Muster, aber in dieser Intensität kein Alltagsgast. Der Klimawandel hebt solche Episoden nicht auf, er macht sie seltener, aber nicht unmöglich. Gerade das macht sie so auffällig.

Der Alltag passt sich an. Landwirte kontrollieren ihre Ställe häufiger, Wasserleitungen werden gesichert, Kommunen öffnen Notunterkünfte. Wer draußen arbeitet, kennt die Regeln: Pausen, Schutzkleidung, Bewegung. Wer drinnen bleibt, hört das leise Arbeiten der Heizung und denkt vielleicht an frühere Winter, an zugefrorene Weiher und Schulwege im Schnee. Damals war mehr Winter, heißt es oft. Heute fühlt er sich zumindest wieder so an.

Und dann ist da noch dieses spezielle Gefühl, das extreme Kälte mit sich bringt. Sie macht die Welt stiller. Geräusche tragen weiter, Gespräche verkürzen sich, alles wirkt konzentrierter. Kein Smalltalk, sondern Zweckmäßigkeit. Man redet weniger, denkt mehr. Oder man sagt schlicht: „Sacré froid“, schüttelt den Kopf und zieht den Schal höher über die Ohren.

Wie lange dieser Griff des Winters anhält, bleibt offen. Prognosen deuten auf eine allmähliche Milderung hin, doch im Jura weiß man: Die Kälte geht, wenn sie will. Bis dahin bleibt die Franche-Comté in einem Zustand zwischen Frost und Faszination gefangen. Ein Winter, der zeigt, dass er es noch kann.

Autor: C.H.

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