Es pfeift, rüttelt und rauscht – und das gleich fünf Tage lang. In den Bouches-du-Rhône macht sich der berüchtigte Mistral breit, mit Windgeschwindigkeiten, die stellenweise über 100 km/h erreichen. Was für Urlauber nach wetterbedingter Unbill klingt, ist für Feuerwehr und Einsatzkräfte Hoffnungsschimmer und Risiko zugleich.
Seit Freitag, dem 25. Juli, zeigt der Mistral, was er kann. Mit ersten Böen von 65 km/h gestartet, legt der Wind in den kommenden Tagen stetig zu: 80 km/h am Samstag, 75 km/h am Sonntag – und dann der Höhepunkt am Montag, wenn in Regionen wie den Alpilles, rund um Salon-de-Provence, Istres und auch Marseille Windgeschwindigkeiten jenseits der 100 km/h erwartet werden. Der Spuk endet laut Prognosen erst am Abend des Mittwoch, 30. Juli.
Aber was bedeutet das für die Menschen vor Ort – und für die Natur?
Die Antwort ist zweigeteilt.
Einerseits ist der Mistral für seine Auswirkungen bekannt: Er trocknet die Luft aus, kann das Wohlbefinden beeinträchtigen, sorgt für umgekippte Mülltonnen, verwehte Sonnenschirme und spontane Staubduschen. Besonders in Küstennähe wird das Leben ungemütlich, wenn sich Windböen wie unsichtbare Wellen durch die Gassen drücken.
Andererseits bringt der Mistral auch Erleichterung – und das im wahrsten Sinne des Wortes. Die jüngsten Zahlen zeigen: Wo vor wenigen Tagen noch täglich rund dreißig Brände loderten, sind es nun nur noch fünf. Ein dramatischer Rückgang. Auch die Geschwindigkeit, mit der sich Feuer ausbreiten, hat sich halbiert.
„Wir hatten in den letzten Tagen eine sehr hohe Luftfeuchtigkeit“, erklärt der Meteorologe Paul Marquis. Die feuchte Luft, kombiniert mit den Windströmungen des Mistrals, bremst das Feuer regelrecht aus – ein Segen für die ausgedörrten Landschaften Südfrankreichs. Andererseits kann der Mistral bereits bestehende und noch nicht gelöschte Brände anfachen und weiter verbreiten. Zwei Seiten einer Medaille.
Aber das ist nicht die einzige Veränderung, die der Wind mit sich bringt.
Die Temperaturen gehen spürbar zurück. Während sich das Thermometer in den letzten Wochen konstant über 30 Grad hielt, pendelt es sich nun auf moderatere Werte ein. Für die kommenden Tage sind zwischen 28 und 29 Grad angekündigt – ein angenehmes Sommerniveau. Am Montag, dem 28. Juli, wird es sogar richtig frisch: Höchstwerte von nur 26 bis 27 Grad machen den Tag zur kühlsten Etappe des Julis.
Ob der Mistral damit zur willkommenen Erfrischung oder zum lästigen Dauerföhn wird – das liegt im Auge des Betrachters.
Für die Feuerwehren jedenfalls ist er momentan ein unerwarteter Verbündeter. Und auch wenn manch ein Cafébesucher seinen Espresso an diesen Tagen lieber drinnen trinkt, so lässt sich dem Windchaos doch eines abgewinnen: eine kleine Atempause im heißen Sommer Südfrankreichs.
Wird der Mistral in der nächsten Woche genauso abrupt abreißen, wie er gekommen ist? Oder tanzt er weiter durch die Gassen von Marseille und über die Weinhänge der Provence?
Die Antwort gibt – wie so oft – der Himmel.
Autor: Andreas M. Brucker
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