Tag & Nacht


Wer heute einen Stift zur Hand nimmt, gehört fast schon zu einer stillen Minderheit. Notizen wandern ins Smartphone, Briefe in die Cloud, Erinnerungen auf Festplatten. Papier ist allgegenwärtig und zugleich unsichtbar geworden. Es liegt unter Druckern, in Archiven und Versandkartons. Kaum jemand fragt noch, woher es stammt, wie es entsteht oder wer es macht.

In einem alten Bauerngebäude im Herzen der Auvergne stellt sich ein junger Mann genau diese Fragen.

Étienne Gouttefarde, Anfang dreißig, lebt und arbeitet in Marsac en Livradois, einer Gemeinde im Regionalpark Livradois Forez. Dort fertigt er Papier von Hand. Blatt für Blatt. Langsam. Konzentriert. Fast so, wie es Menschen bereits vor Jahrhunderten taten.

In einer Zeit, die Geschwindigkeit zum Maß aller Dinge erklärt hat, wirkt das beinahe wie ein stiller Akt des Widerstands.



Wer seine Werkstatt betritt, begegnet keinem Maschinenlärm. Kein Förderband läuft. Kein Fließband bestimmt den Rhythmus. Stattdessen Wasser, Holz, Stofffasern und Hände. Viele Hände.

Papier entsteht hier nicht als Industrieprodukt. Es wächst.

Der Weg dorthin verlief keineswegs geradlinig. Lange deutete nichts darauf hin, dass Étienne Gouttefarde einmal Papiermacher werden würde. Seine Ausbildung führte ihn zunächst in eine andere Richtung. Sport spielte eine wichtige Rolle in seinem Leben. Reisen ebenso. Die Welt kennenlernen, Erfahrungen sammeln, unterwegs sein – das schien lange seine Bestimmung.

Dann kam das Jahr 2022.

Wie so oft im Leben beginnt eine große Geschichte mit einem Zufall.

Gouttefarde stößt auf den traditionsreichen Richard de Bas, einen der letzten historischen Papiermühlenbetriebe Frankreichs. Das Mühlengelände zählt zu jenen Orten, an denen Vergangenheit nicht ausgestellt, sondern gelebt wird. Hier entstanden über Jahrhunderte hinweg handgeschöpfte Papiere, lange bevor industrielle Verfahren die Herstellung revolutionierten.

Für den jungen Auvergnaten öffnet sich eine Tür in eine unbekannte Welt.

Plötzlich steht er mitten in einem Handwerk, das Geduld verlangt. Präzision. Aufmerksamkeit für Details, die viele Menschen kaum noch wahrnehmen.

Er lernt, Fasern aufzubereiten. Er lernt das Schöpfen. Das Pressen. Das Trocknen.

Vor allem aber lernt er das Warten.

Denn gutes Papier lässt sich nicht hetzen.

Was zunächst als berufliche Erfahrung beginnt, verwandelt sich rasch in eine Leidenschaft. Die Arbeit mit der Materie fasziniert ihn. Jede Faser erzählt ihre eigene Geschichte. Jede Oberfläche reagiert anders auf Licht, Feuchtigkeit oder Berührung.

Man könnte sagen: Er verliebt sich in Papier.

Und wie bei jeder großen Leidenschaft genügt irgendwann die Rolle des Beobachters nicht mehr.

Aus dem Mitarbeiter wird ein Gestalter.

Aus dem Lernenden ein Handwerker.

Aus dem Handwerker ein Unternehmer.

Mit „Les Papiers de la Grange“ gründet Étienne Gouttefarde seine eigene Werkstatt. Der Name klingt bescheiden. Fast ländlich. Dahinter verbirgt sich jedoch ein ehrgeiziges Projekt.

Er möchte altes Wissen bewahren, ohne daraus ein Museum zu machen.

Denn genau darin erkennt er eine Gefahr vieler traditioneller Handwerke. Sie werden bewundert, fotografiert und ausgezeichnet. Doch sie verlieren ihren Platz im Alltag. Sie erstarren zur Folklore.

Gouttefarde denkt anders.

Für ihn besitzt Papier nicht nur eine Vergangenheit, sondern auch eine Zukunft.

Deshalb experimentiert er mit Materialien. Neben klassischen Pflanzenfasern nutzt er recyceltes Papier und sogenanntes Chiffonpapier, das aus alten Textilien entsteht. Blumenblätter finden ihren Weg in die Pulpe. Gräser. Samen. Manchmal sogar kleine mineralische Elemente aus der Landschaft seiner Heimat.

So entstehen Blätter, die fast wie kleine Landschaften wirken.

Keines gleicht dem anderen.

Wer sie berührt, spürt Unebenheiten. Strukturen. Narben.

Spuren des Entstehungsprozesses.

Während industrielle Produkte vor allem Gleichförmigkeit anstreben, lebt handgeschöpftes Papier von seinen Eigenheiten. Gerade die kleinen Unregelmäßigkeiten machen seinen Reiz aus.

Es erinnert ein wenig an menschliche Gesichter.

Perfektion wirkt oft langweilig.

Charakter dagegen bleibt im Gedächtnis.

Die Kundschaft kommt längst nicht mehr nur aus der Region. Künstler bestellen seine Papiere für Aquarelle und Druckgrafiken. Buchbinder schätzen die besondere Qualität der Fasern. Designer suchen nach Materialien mit Geschichte. Brautpaare wünschen sich Einladungen, die niemand sonst besitzt.

In einer Welt standardisierter Produkte wächst die Sehnsucht nach Einzigartigkeit.

Vielleicht erklärt genau das den Erfolg vieler junger Kunsthandwerker.

Menschen kaufen heute nicht mehr ausschließlich Dinge.

Sie kaufen Geschichten.

Und wer könnte eine schönere Geschichte erzählen als ein Blatt Papier, das aus alten Stoffen, regionalen Pflanzen und handwerklichem Können entstanden ist?

Doch die Werkstatt allein genügt Gouttefarde nicht.

Er möchte zeigen, wie seine Arbeit entsteht.

Deshalb greift er regelmäßig zur Kamera.

Unter dem augenzwinkernden Namen „Le Dur de la Feuille“ veröffentlicht er Videos in sozialen Netzwerken. Dort erklärt er Arbeitsschritte, die außerhalb kleiner Fachkreise kaum noch bekannt sind.

Millionen Menschen nutzen täglich Papier.

Die wenigsten haben jemals gesehen, wie es entsteht.

Wenn Gouttefarde eine Form ins Wasser taucht und langsam wieder anhebt, wirkt das beinahe meditativ. Die Fasern sammeln sich zu einer dünnen Schicht. Aus einer trüben Flüssigkeit entsteht plötzlich ein Blatt.

Fast wie ein Zaubertrick.

Nur echter.

Seine Videos treffen einen Nerv.

Nicht wegen spektakulärer Effekte.

Sondern wegen ihrer Langsamkeit.

Während viele Plattformen von Hektik leben, zeigt er Prozesse, die Zeit brauchen. Bewegungen, die Konzentration verlangen. Arbeitsschritte, die man nicht beschleunigen kann.

Ein Gegenentwurf zum permanenten Scrollen.

Und vielleicht auch eine Antwort auf die Müdigkeit vieler Menschen gegenüber der digitalen Dauerbeschallung.

Denn wer schaut nicht gern dabei zu, wie etwas mit Sorgfalt entsteht?

Die Resonanz bleibt nicht aus.

Eine stetig wachsende Gemeinschaft begleitet seine Arbeit. Künstler, Handwerksliebhaber, Neugierige und Sammler folgen seinen Projekten. Kooperationen entstehen. Ausstellungen. Begegnungen.

Plötzlich wird aus einem Nischenhandwerk ein Gesprächsthema.

Das ist bemerkenswert.

Schließlich galt Papiermacher lange als beinahe ausgestorbener Beruf.

Heute erlebt das Handwerk eine kleine Renaissance.

Nicht nur in Frankreich.

Überall in Europa entdecken junge Menschen traditionelle Techniken neu. Sie suchen nach Tätigkeiten, die greifbar sind. Nach Berufen, deren Ergebnis sich anfassen lässt.

Die digitale Wirtschaft produziert oft Unsichtbares.

Ein Papiermacher produziert etwas, das zwischen den Fingern raschelt.

Der Unterschied könnte kaum größer sein.

Die Anerkennung für Gouttefardes Arbeit wächst kontinuierlich. Im Jahr 2025 erhält er den Preis für handwerkliches Können der Region Auvergne Rhône Alpes. Die Auszeichnung würdigt nicht allein die Qualität seiner Produkte.

Sie würdigt eine Haltung.

Die Überzeugung, dass Tradition kein Bremsklotz sein muss.

Dass Innovation nicht zwangsläufig aus Technologie entsteht.

Und dass Zukunft manchmal dort beginnt, wo Menschen alte Wege neu entdecken.

Wer heute durch seine Werkstatt geht, begegnet keinem Nostalgiker. Gouttefarde träumt nicht von einer Rückkehr in vergangene Jahrhunderte.

Er nutzt soziale Medien.

Er arbeitet mit zeitgenössischen Künstlern.

Er denkt unternehmerisch.

Und doch bewahrt er etwas, das vielerorts verloren gegangen ist: den Respekt vor der Zeit.

Jedes Blatt Papier verlangt Aufmerksamkeit.

Jede Faser ihren Platz.

Jeder Arbeitsschritt seine Dauer.

Das klingt simpel.

Ist es aber nicht.

Denn moderne Gesellschaften betrachten Zeit oft als Ressource, die möglichst effizient genutzt werden soll. Im Atelier von Marsac en Livradois gilt eine andere Logik.

Zeit ist kein Hindernis.

Zeit gehört zum Produkt.

Vielleicht liegt darin die eigentliche Faszination seiner Arbeit.

Ein handgeschöpftes Blatt Papier besitzt keinen spektakulären Wert. Es blinkt nicht. Es sendet keine Benachrichtigungen. Es aktualisiert sich nicht automatisch.

Und dennoch erzählt es etwas über die Welt, in der es entstand.

Über Wasser und Pflanzen.

Über Geduld und Können.

Über einen jungen Handwerker, der sich gegen die Unsichtbarkeit seines Materials entschieden hat.

Manchmal genügt ein einziges Blatt Papier, um daran zu erinnern, dass Schönheit nicht aus Geschwindigkeit entsteht.

Sondern aus Aufmerksamkeit.

Und vielleicht steckt genau darin die eigentliche Botschaft von Étienne Gouttefarde.

Während die Welt immer schneller wird, sitzt irgendwo in den Bergen der Auvergne ein Mann über einer Wanne voller Fasern und schöpft Blatt um Blatt.

Altmodisch?

Vielleicht.

Zeitgemäß?

Mehr denn je.

Ein Artikel von M. Legrand

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