Covid-19: Wird Frankreich auf den Impfstoff von AstraZeneca verzichten können?

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Von den Franzosen ungeliebt, ist der Impfstoff von AstraZeneca dennoch eine Säule der Impfstrategie des Landes, die im Mai mit den geplanten Lockerungen nochmals an Fahrt aufnehmen soll. Die Regierung überlegt derzeit, wie sie das Misstrauen der Bevölkerung abbauen kann, bis sie insgesamt auf andere Impfstoffe zurückgreifen kann.

Der Impfstoff von AstraZeneca wird in Frankreich nicht mehr nachgefragt. Am vergangenen Wochenende musste in Nizza ein Impfzentrum seine Türen früher als geplant schließen. Für die 4.000 Dosen, die an diesem Tag zur Verfügung standen, meldeten sich nur 58 Personen freiwillig, um eine Injektion des anglo-schwedischen Serums zu erhalten.

Von Paris bis Amiens, von Beauvais bis Tours, Impfzentren, die AstraZeneca-Dosen für Menschen über 55 Jahre anboten, hatten grosse Probleme, noch Abnehmer zu finden.

Auch wenn sich die Behörden auf organisatorische Probleme berufen, um diese Misserfolge zu erklären, erkennen sie doch mittlerweile auch ein weit verbreitetes Misstrauen in der Bevölkerung gegenüber einem Impfstoff, der im Verdacht steht, seltene Thrombosefälle auszulösen. Im März setzten Frankreich und andere Länder die Anwendung für einige Tage aus, bevor sie die Injektionen wieder aufnahmen, nachdem die Europäische Arzneimittelbehörde grünes Licht gegeben hatte.

Anfänglich für junge Menschen empfohlen, dann für die über 55-Jährigen reserviert, leidet AstraZeneca in Frankreich unter einem katastrophalen Image. Laut einer am 8. April veröffentlichten Odoxa-Umfrage wollen 71% der Befragten nicht mit AstraZeneca geimpft werden.

In einem Interview mit der Zeitung “Le Monde” fasst eine dem Präsidenten Macron nahestehende Person den Gemütszustand der Franzosen zusammen. “Das Ergebnis ist, dass alle den Pfizer haben wollen, auch die Menschen, die jetzt für ‘Astra’ in Frage kommen, wollen lieber auf den sogenannten ‘guten’ Impfstoff warten!”

Emmanuel Macron selbst räumte am Dienstag, 20. April, bei einem Treffen im Élysée-Palast “Schwierigkeiten ein, die Menschen von AstraZeneca zu überzeugen”.

Vertrauen wiederherstellen

An der Spitze des Staates wird die Enttäuschung der Franzosen über den von der Universität Oxford entwickelten Impfstoff sehr ernst genommen. Die Regierung erwägt derzeit eine Kommunikationskampagne mit Prominenten oder bekannten Gesichtern aus dem Fernsehen, um das Vertrauen in den Impfstoff wiederherzustellen. Matignon hat den Namen der Sängerin Sheila vorgeschlagen, um zu versuchen, die über 55-Jährigen zu überzeugen.

In der Zwischenzeit bekräftigen Wissenschaftler weiterhin: Der Nutzen von AstraZeneca überwiegt bei weitem die Risiken. Dies ist eine Botschaft, die Jean Castex auch auf seiner gestrigen Pressekonferenz vermittelt hat.

Für die Regierung steht viel auf dem Spiel, da AstraZeneca trotz seiner Rückschläge eine der Säulen der französischen Impfstoffstrategie bleibt. Der nächste wichtige Schritt in dieser Strategie wird der 24. April sein, an dem die Impfung für etwa 400.000 Arbeitnehmer über 55 Jahre geöffnet wird, die als vorrangig gelten, wie Kassierer, Taxifahrer und Wartungsarbeiter.

Vorerst weigern sich die Behörden, von den gesetzten Zielen abzurücken, die untrennbar mit einer Lockerung der gesundheitlichen Einschränkungen verbunden sind. Das vorrangige Ziel bleibt, bis Mitte Mai 20 Millionen Menschen geimpft zu haben und 30 Millionen im Laufe des Monats Juni.

Nach Angaben von Santé publique France hatten bis Mittwochabend bereits mehr als 13 Millionen Franzosen mindestens eine Dosis erhalten.

Die Zukunft von AstraZeneca scheint jedoch in Frankreich und in der Europäischen Union gefährdet zu sein, die gegen das Labor eine Klage vorbereitet, um insbesondere dessen Lieferverzögerungen zu sanktionieren.

Von nun an will Brüssel auf BioNTech/Pfizer setzen. Laut der Zeitung Les Echos verhandelt die Kommission über 900 Millionen Dosen des von dem amerikanischen Pharmariesen und seinem deutschen Partner BioNTech entwickelten Impfstoffs für das Jahr 2022 und ebenso viele für 2023.

Gleichzeitig erklärte die EU am Mittwoch, dass sie ihre Optionen für die Lieferung von 300 Millionen zusätzlichen Dosen der Covid-19-Impfstoffe von AstraZeneca und Johnson & Johnson nicht ausüben werde, ohne anzugeben, ob in Zukunft weitere Verträge mit diesen beiden Konzernen abgeschlossen werden.

Zwei Tage zuvor gab Dänemark bekannt, dass es die Verwendung des Impfstoffs von AstraZeneca aus Gründen der Gesundheitssicherheit komplett aufgibt – eine Premiere in Europa.

Dabei muss man allerdings beachten, dass die Situation in Dänemark und Frankreich sehr unterschiedlich ist. In Dänemark zirkuliert das Virus nur sehr wenig. Es mag also eine vernünftige Entscheidung sein, AstraZeneca aufzugeben, aber in Frankreich, wo das Virus viel mehr zirkuliert, wäre es nicht vernünftig, den Impfstoff schon jetzt nicht mehr zu verwenden. In der derzeitigen Epidemie-Entwicklung in Frankreich ist es klar, dass es besser ist, ab einem bestimmten Alter mit AstraZeneca geimpft zu werden, als nicht geimpft zu werden.

Wenn es auch das langfristige Ziel ist, auf AstraZeneca zu verzichten, ist es wohl nicht möglich, in der unmittelbaren Zukunft darauf zu verzichten, trotz der bevorstehenden Ankunft des Serums von Johnson & Johnson. Seltene Nebenwirkungen, die denen ähneln, die bei Patienten beobachtet wurden, die eine Dosis von AstraZeneca erhalten haben, wurden auch bei Johnson & Johnson in den Vereinigten Staaten registriert. Dieser Newcomer könnte daher in Frankreich die gleichen Ängste auslösen wie sein anglo-schwedisches Pendant.

Bleibt die Frage: Was tun mit den Dosen, die nicht verimpft wurden? Einige Fachleute sind besorgt, dass ihr Verfallsdatum ablaufen könnte und man sie wegwerfen muss. Um hier Abhilfe zu schaffen, fordern Apotheker und Ärzte eine Umverteilung der AstraZeneca-Dosen, die ihrer Meinung nach in den Impfzentren zu zahlreich, in den Praxen oder Apotheken aber nicht ausreichend vorhanden sind.


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