“Zutiefst unfair”: Frankreich und Deutschland wollen den AstraZeneca Impfstoff aufwerten

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Menschen über 55 sollen trotz Erstimpfung mit AstraZeneca ihre Zweitimpfung mit Impfstoffen von BioNTech oder Moderna erhalten.

Die französischen und deutschen Behörden, die bereits mit einer gewaltigen Herausforderung bei der Covid-Impfung konfrontiert sind, kämpfen darum, mehr Menschen davon zu überzeugen, dass der Impfstoff von AstraZeneca genauso wirksam ist wie andere.

Die Impfstoffvorräte der britisch-schwedischen Firma bleiben in beiden Ländern weitgehend ungenutzt, wodurch den Behörden ein entscheidendes Mittel zur Beendigung der Pandemie, die eine soziale und wirtschaftliche Katastrophe von einem Ausmaß darstellt, wie es sie seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr gab, entzogen wird.

Nach Angaben des Gesundheitsministeriums wurden in Frankreich bis Ende Februar nur 273.000 von 1,7 Millionen erhaltenen AstraZeneca-Dosen verabreicht.

In Frankreich wird der AstraZeneca-Impfstoff seit dem 8. Februar für die Impfungen von medizinischem Personal verwendet, und ist seit dem 28. Februar auch bei Hausärzten erhältlich. Die hausärztliche Impfung ist derzeit der Altersgruppe der 50- bis 64-Jährigen mit gesundheitlichen Vorerkrankungen vorbehalten, es wird auch erwartet, dass der AstraZeneca-Impfstoff für Impfungen in Apotheken ab März eingesetzt wird. Mehrere französische Krankenhäuser haben die Nutzung des AstraZeneca-Impfstoffs für ihre Mitarbeiter entweder pausiert oder verlangsamt, da vorübergehende, aber schwere Nebenwirkungen zu großen logistischen Problemen führten, da eine große Anzahl von Mitarbeitern zur Erholung von der Arbeit freigestellt werden musste.

Die Gesundheitsbehörden in Frankreich und Deutschland haben den Impfstoff nur für die Verwendung bei Personen unter 65 Jahren zugelassen und schüren damit Ängste hinsichtlich seiner Wirksamkeit im Vergleich zu den beiden anderen für Europa zugelassenen Impfstoffen von Pfizer-BioNTech und Moderna.

Jacques Battistoni, Chef der Ärztegewerkschaft MG France, prangerte letzte Woche das weit verbreitete “AstraZeneca-Bashing” an, das dazu führe, dass viele Fläschchen unbenutzt blieben.

Gesundheitsminister Olivier Véran, selbst Arzt, versuchte, die Zweifel zu zerstreuen, indem er sich den Impfstoff live im Fernsehen impfen liess.

Und der Impfkoordinator des Landes, Alain Fischer, beschwerte sich letzte Woche, dass die schlechte Presse” rund um diesen Impfstoff zutiefst unfair” sei. Auch Präsident Emmanuel Macron tat der Sache keinen Gefallen, als er die AstraZeneca-Impfung als “quasi unwirksam für Menschen über 65” bezeichnete – nur Stunden bevor die Europäische Arzneimittelagentur grünes Licht für den Einsatz auch in dieser Altersgruppe gab. Mehrere andere europäische Länder, darunter Polen und Schweden, haben den AstraZeneca-Impfstoff ebenfalls nur für die Verwendung bei Menschen unter 65 Jahren zugelassen und begründeten dies mit fehlenden Testdaten für ältere Menschen, während die Schweiz und die USA den Impfstoff überhaupt nicht zugelassen haben.

Auch in Deutschland wird der Ruf nach einer Lockerung der Impfprioritätenliste lauter, um sicherzustellen, dass keine Impfstoffdosen von AstraZeneca verschwendet werden.

Bis zum 23. Februar waren 1,45 Millionen Dosen nach Deutschland geliefert worden, von denen nur 240.000 gespritzt worden waren.

Die Kontroverse hat dazu beigetragen, dass die Regierung beschlossen hat, Lehrer und Kinderbetreuer von der Prioritätsgruppe drei in die Gruppe zwei zu verschieben. Aber einige regionale Regierungschefs drängen Deutschland, noch weiter zu gehen. Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder sagte am Sonntag, dass “keine einzige AstraZeneca-Dosis übrig bleiben oder weggeworfen werden sollte”.

“Bevor das passiert: Impfen Sie jeden, der es will”, sagte Söder der “Bild am Sonntag”. “Jeder Tag zählt.”

Der baden-württembergische Ministerpräsident Winfried Kretschmann sagte, Deutschland könne es sich nicht leisten, dass Impfstoffe ungenutzt blieben, weil ein Teil der Anspruchsberechtigten sie ablehnt.

“Dann sollten wir unsere strengen Vorschriften lockern und die Menschen auch dann impfen, wenn sie nach der Vorrangregelung noch nicht an der Reihe sind”, sagte Kretschmann der “Welt am Sonntag”.

Auch Bundeskanzlerin Merkel lobte letzte Woche in einem Interview die AstraZeneca-Impfung als “einen Impfstoff, dem man vertrauen kann”.

Auf die Frage, ob sie mit gutem Beispiel vorangehen und den AstraZeneca-Impfstoff nehmen würde, antwortete Merkel, dass sie für diese spezielle Impfung nicht geeignet sei, da sie bereits 66 Jahre alt sei. Die Frage wird jedoch mit Sicherheit wieder auftauchen, wenn die deutsche Impfkommission beschließt, die Impfung für Menschen ab 65 Jahren zu empfehlen.


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