Es sind diese Nächte, die sich in das kollektive Gedächtnis eines Ortes brennen. Crans-Montana, sonst Synonym für Wintersonne, mondäne Chalets und sportliche Eleganz, verbindet den Jahreswechsel 2026 mit einem anderen Bild: Flammen im Untergeschoss einer Bar, Sirenen, Rauch, Stille danach. Nun zieht die Justiz die erste harte Linie. Der Miteigentümer der Bar Le Constellation sitzt in Untersuchungshaft.
Die Entscheidung fiel am Montag, dem 12. Januar. Das Zwangsmassnahmengericht des Kantons Wallis ordnete die vorläufige Inhaftierung von Jacques Moretti an, einem der Betreiber der Bar Le Constellation. Drei Monate zunächst. Begründung: Fluchtgefahr. Eine juristische Formel, nüchtern, fast kühl – und doch von enormer Tragweite für einen Mann, dessen Name seit Tagen untrennbar mit der Brandnacht verknüpft ist.
Die Haft kann aufgehoben werden, so betont das Gericht, etwa gegen die Hinterlegung finanzieller Garantien. Doch vorerst bleibt die Zellentür geschlossen. In der Schweiz ist Untersuchungshaft kein Schuldspruch, sondern ein Instrument der Sicherung. Die Unschuldsvermutung gilt weiter. Juristisch korrekt. Emotional schwer auszuhalten – für alle Beteiligten.
Der Brand brach in der Nacht zum Neujahr aus, im Untergeschoss des Lokals, dort, wo gefeiert, getanzt, gelacht wurde. Nach ersten Erkenntnissen der Ermittler sollen funkenstarke Dekorationskerzen mit einer schalldämmenden Deckenverkleidung aus Schaumstoff in Berührung gekommen sein. Ein Material, das im falschen Moment zur tödlichen Falle wird. Sekunden, vielleicht weniger. Dann Hitze, Rauch, Chaos.
Die Ermittlungen gehen tiefer. Fragen stehen im Raum wie unausgesprochene Anklagen: Waren Feuerlöscher vorhanden? Waren sie zugänglich? Entsprachen die Fluchtwege den Vorschriften? Und vor allem: Hätten Menschenleben gerettet werden können? Solche Fragen bohren sich nicht nur in Aktenordner, sondern auch in die Seelen eines Dorfes, das seine Sicherheit plötzlich infrage stellt.
Moretti und seine Ehefrau geraten ins Visier der Staatsanwaltschaft. Der Verdacht lautet auf fahrlässige Tötung, fahrlässige Körperverletzung und fahrlässige Brandstiftung. Schwere Vorwürfe, die im Schweizer Strafrecht einen klaren Rahmen haben. Fahrlässigkeit bedeutet nicht Vorsatz, aber Verantwortung. Verantwortung für Entscheidungen, für Unterlassungen, für das, was man hätte wissen, prüfen oder verhindern müssen.
Man sieht die Bilder vor sich: Am 9. Januar betritt Moretti gemeinsam mit seiner Frau das Büro des Staatsanwalts in Sitten. Fotoapparate klicken, die Gesichter sind angespannt. Ein Moment zwischen Öffentlichkeit und Intimität, zwischen Rechtsstaat und persönlicher Tragödie. Die Kamera hält fest, was Worte kaum fassen.
Crans-Montana selbst wirkt seitdem verändert. Wer durch die Straßen geht, hört Gespräche, halblaut, oft abgebrochen. „Hast du das gehört?“ – „Ja, schlimm.“ Mehr braucht es nicht. In den Cafés wird der Espresso schneller kalt als sonst. Manche sagen offen, dass so etwas überall passieren kann. Andere schütteln nur den Kopf. Diese Mischung aus Fassungslosigkeit und leiser Wut kennt man aus anderen Unglücken. Hier ist sie nun angekommen.
Die Rolle der Justiz ist klar definiert. Die Staatsanwaltschaft des Kantons Wallis führt die Untersuchung. Am Ende dieser Phase steht eine Entscheidung: Einstellung des Verfahrens oder Anklageerhebung mit möglichem Prozess. Bis dahin sammelt man Gutachten, hört Zeugen, rekonstruiert Abläufe. Ein mühsamer, oft unspektakulärer Weg. Aber der einzige, der trägt.
Auffällig ist die Begründung der Haft: Fluchtgefahr. Sie deutet darauf hin, dass die Behörden Moretti zutrauen, sich dem Verfahren zu entziehen. Ob wegen internationaler Kontakte, finanzieller Mittel oder persönlicher Umstände – darüber schweigen die Behörden bislang. Sicher ist nur: Untersuchungshaft ist in der Schweiz kein Automatismus. Sie wird angeordnet, wenn mildernde Mittel nicht ausreichen. Das macht die Entscheidung so schwerwiegend.
Berichtet wurde der Fall unter anderem von France Télévisions, deren Journalisten früh Zugang zu Justizkreisen erhielten. Die Berichterstattung bleibt bislang sachlich, fast zurückhaltend. Kein Tribunal der Öffentlichkeit, keine voreiligen Schuldzuweisungen. Das entspricht dem Geist des Rechtsstaats – und tut gut in Zeiten, in denen Empörung oft schneller ist als Erkenntnis.
Und doch bleibt das Unbehagen. Ein Brand, wahrscheinlich ausgelöst durch dekorative Kerzen, die eigentlich Freude verbreiten sollen. Eine schalldämmende Decke, gedacht für bessere Akustik, die sich als Brandbeschleuniger entpuppt. Sicherheitsauflagen, die auf dem Papier existieren – und in der Praxis womöglich versagen. Da fragt man sich schon: Wie viele solcher Risiken schlummern unbeachtet in Kellern, Clubs, Bars?
Für die Betroffenen, für die Verletzten, für die Angehörigen der Opfer – ihre Perspektive steht jenseits juristischer Feinheiten. Dort zählt kein Paragraph, sondern der Verlust. Und für die Betreiber ähnlicher Lokale im ganzen Land dürfte der Fall wie ein Warnsignal wirken. Ein Weckruf, der sagt: Prüft noch einmal. Schaut genauer hin. Jetzt.
Crans-Montana wird wieder feiern. Irgendwann. Aber diese Nacht, dieser Brand, diese Untersuchungshaft – sie bleiben Teil der Geschichte des Ortes. Eine Geschichte, die mahnt, ohne zu moralisieren. Die erinnert, ohne anzuklagen. Und die zeigt, wie schmal der Grat zwischen Ausgelassenheit und Katastrophe sein kann.
Von Daniel Ivers
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