Ist Frankreich nicht ausreichend auf das nukleare Risiko vorbereitet?

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Das jedenfalls ist das Ergebnis der jüngsten Untersuchung von Anccli, der Vereinigung der lokalen Informationskommissionen der Atomstandorte. Zum Beispiel haben 75% der Bewohner in der Nähe eines Kraftwerkes ihre Jodtabletten nicht abgeholt.

Frankreich ist das am stärksten nuklearisierte Land der Welt. Das Bewusstsein des nuklearen Risikos ist bei den Franzosen jedoch nicht ausreichend entwickelt. Dies ist die Feststellung, die in einer heute veröffentlichten Untersuchung gemacht wurde. Derzeit leben alle Franzosen weniger als 200 km von einem Atomstandort entfernt, und laut einer Umfrage wissen 78% der Befragten nicht, was sie im Falle einer Industrie- oder Naturkatastrophe tun sollen.

Es muss gesagt werden, dass Krisenübungen und Informationskampagnen darüber, was zu tun ist, nur etwas mehr als zwei Millionen Einwohner betreffen, die in einem Radius von 20 km um die Kraftwerke leben. Aber auch dort mangelt es an Vorbereitung. Als Beweis zeigt die Anccli in dieser Studie, dass nur ein Viertel der in diesen Gebieten lebenden Einwohner ihre Jodtabletten während der letzten Verteilungskampagne abgeholt hat. Dies ist eine Feststellung, die die Behörde für nukleare Sicherheit, ASN, bereits bei anderen Kampagnen gemacht hat.

Die Jodtabletten müssen im Falle eines Atomunfalls sofort eingenommen werden. Es ist eine Möglichkeit, die Schilddrüse der Bewohner mit stabilem Jod zu sättigen, damit sich das eingeatmete oder aufgenommene radioaktive Jod nicht auf ihren Organen ablagert. Es ist ein Medikament, das nur auf Anweisung der Behörden eingenommen werden darf. Dies ist eine Lehre, die aus der Tschernobyl-Katastrophe vor 35 Jahren gezogen wurde, denn eine ihrer Folgen war die explosionsartige Zunahme von Schilddrüsenkrebsfällen in der Ukraine und Weißrussland.

Seit 1997 werden regelmäßig Kampagnen zur Verteilung von Jodtabletten durchgeführt, damit Schulen, Altenheime, Unternehmen und Anwohner jederzeit über diese verfügen können. Aber 75% der betroffenen Einwohner sind während der letzten Kampagne nicht in die Apotheke gegangen, um sie zu holen. Eine Kampagne, die den Betreiber EDF immerhin 5 Millionen Euro gekostet hat – ohne die gewünschte Wirkung zu erzielen.

Die Anccli will das Bewusstsein für das Risiko schärfen
Wenn die Bewohner die Jodpastillen nicht abgeholt haben, liegt es laut Anccli auch daran, dass die Adressen nicht aktuell oder schlecht aufbereitet waren. Es fehlt aber offensichtlich manchmal auch an der Motivation der Bewohner, sich auf eine Krise vorzubereiten. Zum Beispiel stiegen 2011 in der Nähe des Kraftwerks Gravelines viele Menschen nicht in die Busse, um eine Evakuierung der Nachbarschaft zu simulieren. Oft versorgen die Gemeindeverwaltungen die Bürger selten mit Informationen darüber, wie man sich im Falle eines Unfalls verhalten sollte!

Heute wenden sich die Autoren der Anccli-Untersuchung an den Staat, um ihn um regelmäßigere Übungen zu bitten, um die Einbeziehung der Rathäuser in die Verteilung von Jod, wie sie es in er Covid-Krise mit den Masken und den Impfstoffen tun.

Für den Präsidenten der Anccli: Jean-Claude Delalonde, “sollte das nukleare Risiko kein Tabu sein. Anders als beim Coronavirus können wir nicht sagen, dass wir nicht vorher wussten, was zu tun ist“.

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