Nach Recherchen, die etwa ein Jahr dauerten, behaupten Journalisten des Guardian nun, dass die britische Atomanlage Sellafield für die Europäer gefährlich werden könnte. Die Anlage weist Lecks auf, aus denen Radioaktivität austritt und die Anlage war berits mehrfach Ziel von Cyberangriffen.
Die hochsensible Atomanlage Sellafield - die als die gefährlichste in ganz Europa gilt - steht heute im Mittelpunkt des Interesses nicht nur der britischen Behörden, sondern auch der europäischen Entscheidungsträger. Es war eine einjährige Untersuchung, die von unseren Kollegen des Guardian durchgeführt wurde, die das Feuer entfachte. Die Journalisten kamen zu dem Schluss, dass die Anlage, die an der Irischen See liegt, eine nicht zu unterschätzende Bedrohung für Europa darstellt.
Auf dem 6 km² großen Gelände der Anlage befindet sich unter anderem das älteste Kernkraftwerk der Welt mit 400 Gebäuden und 10.000 Angestellten. Sellafield beherbergt außerdem das größte Plutoniumlager der Welt. Hier stellte Großbritannien 1947, zu Beginn des Kalten Krieges, das radioaktive Matrial her, das für Atomwaffen verwendet wurde. In den vergangenen Jahren hat sich auf dem Gelände eine große Menge an Atomwaffenabfällen angesammelt. Inzwischen gibt es dort Silos und künstliche Teiche, in denen nuklearer Schlamm gelagert wird.
Wie die Journalisten des Guardian berichten, wirft eines der Silos Fragen auf. Es soll nämlich große Risse in seinen Betonschichten aufweisen, die befürchten lassen, dass ein nicht unerheblicher Teil des radioaktiven Materials in die Natur entweichen könnte. Einem internen Dokument zufolge könnte dieses Leck, das besonders schwer zu schließen ist, in den kommenden Jahren ein riesiges Problem darstellen. Ein solches Leck würde ein Risiko nicht nur für die Menschen, sondern auch für das Grundwasser darstellen. Im November 2022 wurde in einem Dokument, das an die Mitglieder des Verwaltungsrats von Sellafield geschickt wurde, auf eine allmähliche Verschlechterung der Sicherheit der Atomanlage hingewiesen, sowohl in Bezug auf eine mögliche Asbestverschmutzung als auch auf nukleare Risiken. Wie die Journalisten des Guardian unter Berufung auf einen wissenschaftlichen Berater der britischen Regierung berichten, sollen diese Warnungen bisher tapfer unter den Teppich gekehrt worden sein.
Bereits im Jahr 2001 hatte die Europäische Union das Vereinigte Königreich vor einem erhöhten Risiko eines Atomunfalls in Sellafield gewarnt. Die EU-Behörden hatten argumentiert, dass ein solcher Unfall schlimmer sein könnte als der von Tschernobyl 1986. Bei dieser Katastrophe in der Ukraine waren Millionen Europäer radioaktiver Strahlung ausgesetzt worden.
Neben den nuklearen Risiken soll die Atomanlage Sellafield auch Ziel von böswilligen Angriffen gewesen sein. In den letzten Jahren soll es immer wieder zu Cyberangriffen von Gruppen mit Verbindungen zu China und Russland gekommen sein. Einige besonders wichtige Infrastrukturaktivitäten wie die "Überwachung des Austritts gefährlicher Stoffe", die "Bewegung radioaktiver Abfälle" und die "Erkennung von Bränden" sollen gehackt worden sein. In einer Pressemitteilung gaben die Verantwortlichen von Sellafield zu, dass sie es versäumt hätten, diese Cyber-Attacken der britischen Atomaufsichtsbehörde zu melden.
Die Anlage hat noch viele Jahre vor sich: Sie soll erst im Jahr 2130 geschlossen werden. Auf dem Gelände werden übrigens derzeit neue Reaktoren gebaut.