In Marseille verändert sich die Stadtlandschaft radikal: Ein Drittel der Wohnräume befindet sich inzwischen in geschlossenen Wohnanlagen oder umzäunten Siedlungen. Gated Communities mit Digicodes, Toren und Barrieren – was einst ein Privileg der wohlhabenden südlichen Viertel war, hat sich bis in die nördlichen Bezirke der Stadt ausgebreitet. Eine Entwicklung, die sowohl die soziale Struktur als auch die urbane Dynamik fragmentiert.
Ein Alltag hinter Gittern
Im 10. Arrondissement von Marseille, nahe dem Stade Vélodrome, spiegelt der Stadtteil Coin-Joli diese Tendenz wider. Hier säumen Zäune und „Betreten verboten“-Schilder die Straßen, ein Großteil der Zugänge ist verschlossen. Pierre Linossier, ein Bewohner der Gegend, kritisiert die Veränderung: „Die Portale bleiben den ganzen Tag geschlossen, nur Anwohner können sie öffnen.“
Das Problem? Eine Grundschule innerhalb der Siedlung ist für Kinder aus der Umgebung plötzlich schwerer erreichbar. „Ein Schulweg, der früher fünf Minuten dauerte, zieht sich jetzt bis zu zwanzig Minuten hin“, berichtet Linossier. Besonders für Familien ohne Auto bedeutet dies eine spürbare Belastung.
Sicherheit oder Abschottung?
Während im Süden der Stadt chaotisches Parken oft den Anlass für solche Abschottungsmaßnahmen bietet, stehen im Norden von Marseille andere Motive im Vordergrund. In der Nähe der berüchtigten Cité de la Castellane, im Lotissement Les Castors de Saint-Henri, hoffen die Bewohner auf ein großes Eingangstor.
Jean-Dominique Tarifa, ein Eigentümer der Siedlung, schildert die Situation: „Jeden Tag kommen Jugendliche her, rauchen Cannabis oder inhalieren Lachgas. Sie lassen ihren Müll einfach liegen – und wir müssen täglich aufräumen.“
Gérard Clément, der ehrenamtlich die Verwaltung der Siedlung übernimmt, rechtfertigt die Pläne: „Nur weil wir in den nördlichen Vierteln leben, heißt das nicht, dass wir kein Recht auf Sicherheit haben.“ Für ihn geht es nicht um Isolation, sondern um Schutz. Ein geschlossener Zugang könnte außerdem den Immobilienwert steigern, ein attraktiver Anreiz für die Eigentümer.
Eine Stadt der sozialen Inseln
Die Geografin Elisabeth Dorier von der Universität Aix-Marseille hat die Entwicklung geschlossener Wohnanlagen in Marseille über 15 Jahre hinweg untersucht. Ihre Erkenntnisse sind alarmierend: „Die neue Norm ist die Abschottung. Es gibt kaum noch Alternativen. Wir schaffen Enklaven und nennen es soziale Durchmischung.“
Die Realität sieht anders aus: Geschlossene Wohnanlagen trennen die Bewohner durch Zäune, auch wenn sie geographisch nahe beieinander leben. Was als Versuch verkauft wird, soziale Gruppen zu mischen, endet oft in sozialer Distanz.
Immobilienentwickler nutzen die Nachfrage nach Sicherheit und Exklusivität, um die oberen Mittelschichten in benachteiligte Stadtviertel zu locken. Die Folge? Zugang zu schönen Aussichten, Hügeln oder Parkplätzen wird zunehmend privatisiert – und ärmere Bevölkerungsschichten werden weiter an den Rand gedrängt.
Die Konsequenzen der Fragmentierung
Die Verbreitung geschlossener Wohnanlagen spiegelt nicht nur die soziale Spaltung wider, sondern verstärkt sie. Viertel, die einst durch offene Gemeinschaften geprägt waren, werden zu Inseln, in denen Misstrauen und Schutzbedürfnis dominieren.
Für die Stadtentwicklung Marseilles bedeutet dies:
- Verlust öffentlicher Räume: Gemeinschaftsflächen wie Straßen oder Parks werden privatisiert und verlieren ihren Charakter als Treffpunkte.
- Ungleichheit im Zugang: Während wohlhabendere Anwohner von exklusiven Dienstleistungen und Schutz profitieren, werden ärmere Bewohner von grundlegender Infrastruktur ausgeschlossen.
- Erosion der sozialen Kohäsion: Zäune und Barrieren symbolisieren nicht nur räumliche Trennung, sondern verstärken auch Vorurteile und das Gefühl von „Wir gegen die anderen“.
Eine gespaltene Zukunft
Die Entwicklung geschlossener Wohnanlagen ist nicht nur ein Phänomen Marseilles, sondern eine globale Tendenz in Städten, die mit sozialer Ungleichheit kämpfen. Doch in Marseille, einer Stadt mit einer langen Geschichte von Migration und kultureller Vielfalt, scheint die Fragmentierung besonders schmerzlich.
Ist es möglich, diese Barrieren zu durchbrechen? Ein erster Schritt könnte darin bestehen, die urbanen Räume wieder als gemeinschaftliches Gut zu betrachten und den Zugang zu zentralen Ressourcen für alle Bewohner zu gewährleisten.
Denn am Ende stellt sich die Frage: Was ist das Ziel urbanen Lebens – Sicherheit hinter Zäunen oder eine echte Gemeinschaft, die Nähe in Raum und Gesellschaft vereint? Marseille steht an einem Scheideweg, und die Entscheidungen von heute werden prägen, ob die Stadt weiter auseinanderdriftet oder ihre Vielfalt und Offenheit bewahren kann.